Grundsatzpapier zum Thema Bildung
Die KHJÖ hat in einem Umlaufbeschluss im Jänner 2006 ein Grundsatzpapier zum Thema “Bildung” verabschiedet, in dem das Recht auf Bildung betont und Bildung in drei Dimensionen erläutert wird.
Grundsatzpapier zum Thema „Bildung“ der KHJÖ
Durch Umlaufbeschluss am 9.1. 2006 vom Vorstand beschlossen.
Präambel:
Im Zuge des Schwerpunkts „Bildung“ der Katholischen Aktion Österreich im Jahr 2005 setzte sich auch die Katholische Hochschuljugend Österreichs (KHJÖ) intensiv mit dieser Thematik auseinander. Das folgende Grundsatzpapier ist eine Konsequenz dieser Auseinandersetzung und dient dazu, die Position und Gedanken der KHJÖ darzulegen.
Das Grundsatzpapier entstand in einer Zeit, in der sich im Bereich der Bildungspolitik vieles veränderte. In den Jahren 2003 bis 2005 wurden Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen eingeführt, U niversitäten vermehrt in Abhängigkeit der Wirtschaft gebracht, Elitenbildung verstärkt. Diese Tendenzen reflektiert die KHJÖ kritisch und legt ausgehend von einem Menschenbild, das den Menschen in seiner Ganzheit und Würde als ein von Gott geschaffenes Wesen ernst nimmt, ihren Bildungsbegriff dar.
1. Bildung ist mehr
Bildung ist mehr als Ausbildung, sie betrifft den Menschen in seiner Ganzheit. Die Möglichkeit, die eigenen Werte und die Verwurzelung des eignen Seins in der Welt wahrzunehmen und s o zu einem sinnerfüllten Leben zu gelangen, steht im Vordergrund:
„Bildung, die dem Menschen gerecht wird, wurzelt in einem lebendigen Interesse an der Welt, d as zutiefst aus dem Staunen, der Achtung und der Dankbarkeit kommt. Neugier, Achtsamkeit, Verantwortungsbewusstsein, Beziehungsfähigkeit und Weltoffenheit sind grundlegende Ziele einer Persönlichkeitsbildung, die von Kindheit an grundgelegt wird und ein Leben lang weiterzuentwickeln ist.“
Bildung bedeutet in diesem Sinne einen dynamischen Prozess, der als lebensbegleitendes und lebenslanges Lernen zu sehen ist. Ziel der Bildung ist es, dass Menschen in Würde und Achtsamkeit ein respektvolles und solidarisches Miteinander leben.
2. Rahmenbedingungen
Die Möglichkeit zur Verwirklichung oben genannter Ziele muss für jeden Menschen, egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft und welcher religiösen Anschauung, gegeben sein. Um dies realisieren zu können, müssen die Rahmenbedingungen und die Möglichkeiten zur Entfaltung der Menschen gewährleistet sein. Es liegt in der Verantwortung der Politik, einen freien Zugang zu Bildung zu garantieren, ohne soziale oder finanzielle Restriktionen.
Innerhalb dieser Rahmenbedingungen muss der Mensch auch die Chance haben, konstruktive Alternativen auszuloten. Das heißt, es ist an Veränderungs- und Umkehrmöglichkeiten innerhalb des gewählten Bildungsweges zu denken.
Der Mensch lebt in Verantwortung gegenüber der Schöpfung. Diese zu übernehmen und für ein solidarisches Miteinander einzutreten, ist ein basaler Faktor der Verwirklichung des Auftrags Gottes an die Menschen. Die Aneignung von Bildung liegt daher auch in der Verantwortung und Entscheidung des/der einzelnen. Bildung als lebenslanger Prozess kann nur realisiert werden, wenn der Mensch aktiv daran mitwirkt.
3. Unabhängige Bildung
Bildung, deren Ziel es ist, Menschen in die Lage zu versetzen, als BürgerInnen mündig zu agieren, darf weder von der Wirtschaft, noch von der Politik oder von einer Ideologie abhängig sein, sondern muss frei bestehen können, ohne Einschränkungen in ihren Inhalten und Werten zu erfahren. D ies richtet sich gegen eine Verzweckung und Instrumentalisierung der Bildung im Sinne reiner Verwertbarkeit und wirtschaftlicher Nützlichkeit. Obwohl auch technisches Wissen und berufliche Qualifikationen von großer Bedeutung sind, müssen sie den zugrunde liegenden ethischen Werten wie Toleranz und Solidarität gerecht werden.
Durch die Unabhängigkeit der Bildung wird gewährleistet, dass sie als kritisches Korrektiv dienen kann, das Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und sinnvolle Alternativen aufzeigt.
4. 3 Dimensionen von Bildung
Bildung findet auf unterschiedlichen Ebenen statt, große Bedeutung im Bildungswesen kommt den verschiedenen Institutionen zu, nicht zuletzt den Universitäten. Im Folgenden werden anhand der institutionellen Gegebenheiten drei Dimensionen erläutert, die in ihrer Korrelation Bildung in einem umfassenden Sinn Realität werden lassen.
Erstens gibt sie Orientierung: der Mensch kann durch Bildung Zusammenhänge, Systeme und Strukturen erkennen und sich dadurch in einer komplexen und multikulturellen Gesellschaft zurecht finden.
„Eine moderne, demokratische, komplexe und sich rasch wandelnde Gesellschaft braucht selbstbewusste, kritische und mündige Bürgerinnen und Bürger, die sich auch dort orientieren können, wo die sie umgebende Welt unübersichtlich ist. Sie müssen fähig sein, gesellschaftliche Umbrüche im Blick zu behalten, einen Standpunkt einzunehmen und in Freiheit Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. (..)“
Durch Orientierung im gesellschaftlichen Bereich, durch das Wissen darum, welche Informationen woher kommen, welchen Wahrheitsgehalt, welche Aussagekraft, welche Tragweite und welche Schlussfolgerungsmöglichkeiten sie haben, ist es dem Menschen möglich, sich zu positionieren und aus dieser Position verantwortungsvoll zu agieren.
Im wissenschaftlichen Bereich ist es wichtig, dass gerade an den Universitäten Grundlagenwissenschaft betrieben wird. Sie soll verschiedene Herangehensweisen vermitteln, transparent machen, welche unterschiedlichen Strömungen es gibt und was es bedeutet, wissenschaftlich zu arbeiten. Dies soll nicht nur im eigenen Fach geschehen, sondern dem Menschen soll ein Überblick über den Wissenschaftsbetrieb gegeben werden. Bildung besteht im Wechselspiel zwischen Fachspezifika und Interdisziplinarität. In der Auseinandersetzung mit dem eigenen Fach innerhalb eines größeren Zusammenhanges werden neue Erkenntnisse gewonnen und konstruktiv umgesetzt.
Orientierung dient in einer komplexen und sich rasch ändernden Gesellschaft auch dazu, kritisches Denken zu fördern und befähigt, mit Wissen umzugehen.
Zweitens dient Bildung der Selbstentwicklung des Menschen. Der Mensch kann seine eigene Persönlichkeit entfalten, seine Werte erkennen, seine individuellen Fähigkeiten, Begabungen und Interessen vertiefen und fördern. Bildung ist also kein Luxus, sondern eine Grundgegebenheit, die der Mensch zu verwirklichen sucht.
Bildung, die dem Aufgeschlossensein des Menschen gegenüber der Welt und sich selbst gerecht wird, trägt dazu bei, das Selbstbewusstsein und den Selbstwert des Menschen zu steigern und ihn zum Subjekt seiner eigenen Lernprozesse zu machen.
Der Mensch muss in seiner Ganzheit wahrgenommen und gefördert werden. Bildung befähigt, zwischen den Generationen, Geschlechtern und Kulturen Brücken zu bauen. Der respektvolle Umgang mit anderen ist unerlässliches Lernziel von Bildung. Daher muss ein besonderes Augenmerk auf die soziale Bildung des Menschen gelegt werden.
Drittens besteht Bildung auch in der praxisorientierten Anwendung, in ihrem Beitrag zur Gesellschaft. In der Anwendung fördert Bildung auch ihre monetäre Verwertbarkeit des Wissens, hier leistet sie ihren praktischen Beitrag für ein gelingendes Zusammenleben und eine gerechte Gesellschaft. In der Anwendung wird durch Bildung auch längerfristiges Denken und Handeln im Sinne der Nachhaltigkeit erlangt.
Nicht nur an den Universitäten, sondern auch an den Fachhochschulen, die einen wichtigen Stellenwert im Bildungssystem einnehmen, ist es wichtig, dass diese Bereiche korrelieren. Dies ist Chance und Gefahr zugleich, da es zu einem Ungleichgewicht kommt, wenn eine Dimension über- bzw. unterbewertet ist.
Aufgrund dieser Grundsätze liegt es an uns, die bildungspolitische Entwicklung zu beobachten, zu hinterfragen, eine differenzierte Position zu finden und gegen Ungerechtigkeiten aufzutreten.






