Belgrad 2008
Der steinige Weg nach Europa
Von Martin J. Luger und Philipp Ploner Fotos: Jakob Reichenberger Auch dieses Jahr begab sich eine Gruppe der KHJÖ aus Leoben, Linz, Salzburg und Wien in einen unbekannteren Teil Osteuropas. Das Ziel unserer Februarexkursion war Belgrad, die alte Donaumetropole und Hauptstadt Serbiens, wo wir unvergessliche kulturelle, politische, ökumenische und kulinarische Begegnungen erlebten. Unsere Reise fiel in eine politisch äußerst spannende Zeit, in der Serbien entscheiden musste, ob es seinen Weg nach Europa beibehalten wollte. Die Serbinnen und Serben wählten einen neuen Präsidenten und die internationale Staatengemeinschaft beriet über das Schicksal der serbischen Provinz Kosovo, die wenige Wochen nach unserem Besuch ihre Unabhängigkeit ausrief. Die Spannungen zwischen den diversen politischen Strömungen, aber auch die noch immer nicht zur Gänze überwundenen Konflikte zwischen den verschiedenen Ethnien am Balkan begleiteten uns auf Schritt und Tritt. Am Samstag, 02. Februar 2008 versammelten sich KHJler aus ganz Österreich am Wiener Westbahnhof, um gemeinsam den Nachtzug nach Belgrad zu nehmen. Für die einen war es ein Wiedersehen mit Freunden, für die anderen ein Kennen lernen von neuen Freunden. Gegen 7.45h erreichten wir die Vororte von Belgrad, in denen Roma in trostlosen Siedlungen hausen. Die sozialen Realitäten, die Serbien prägen, wurden uns plötzlich und unvermittelt bewusst. Nachdem wir das Gepäck in der Herberge verstaut hatten, begaben wir uns auf den historischen Hauptplatz Belgrads, wo wir in einem Café frühstückten und dabei die reichhaltige Tortenkultur Serbiens erkundeten. In den Lokalen an diesem Platz, allen voran im Ruski Car, sollten wir in den kommenden Tagen noch mehrmals zu Gast sein. Gestärkt ging es dann bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein zum ersten Stadtrundgang, der uns am serbischen Parlament und Präsidentenpalast vorbei zur Tvrdjava Kalemegdan-Festung führte, von wo wir einen herrlichen Blick über die Stadt und die Donau genossen und so ein erstes Gefühl für diese Stadt bekamen. Am Abend gingen wir geschlossen in ein traditionelles serbisches Restaurant, das uns mit deftigen Grillspezialiäten wie pljeskavice oder cevacici verwöhnte. Beim Nachhauseweg wurden wir Zeuge eines bedeutenden politischen Ereignisses. Feuerwerk erhellte den Nachthimmel und hupende Autos, die mit EU-Fahnen beflaggt waren, säumten die Straßen: Die Serbinnen und Serben feierten den Wahlsieg des pro-europäischen Präsidentschaftskandidaten Boris Tadic. Aufbruchsstimmung und die Hoffnung auf eine baldige europäische Integration des Landes lagen in der Luft. Wir waren die einzige Gruppe in unserer Herberge, sodass wir uns schon bald richtig heimisch fühlten und viele nette gemeinsame Stunden im Hostel verbrachten. Vor allem das Frühstück sollte uns in Erinnerung bleiben, bei dem wir burek, also mit Käse, Fleisch, Spinat, Schwammerln, Thunfisch, Würsteln, Marmelade oder Topfen gefüllten Teigtäschchen, genossen. Auch die urige Kaffeemaschine versprühte ein gewisses folkloristisches Flair. Der Montag brachte ein Treffen mit dem Erzbischof von Belgrad, der uns eine Einführung in die Geschichte des Balkans und in die Rolle der katholischen Kirche gab. Wir erfuhren außerdem, dass das Gebäude des Bischofssitzes ein entscheidender Schauplatz während der diplomatischen Wirren im Vorfeld des 1. Weltkrieges war. Hier befand sich nämlich die k.u.k. Botschaft Österreich-Ungarns. Als das Kaiserreich nach dem Attentat auf Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand Serbien ein Ultimatum setzte, kam der russische Botschafter zur österreichischen Botschaft, um den Krieg doch noch abzuwenden. Doch der österreichische Botschafter war bereits nach Wien abgereist. In seiner Verzweiflung erlag der russische Diplomat einem Herzinfarkt auf den Stufen der österreichischen Botschaft. Am Ort seines Todes befinden sich heute gläserne Flügeltüren mit der Aufschrift „PAX“, um der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu gedenken. Abschließend besuchten wir noch die St. Sava Kirche, die über 12.000 Menschen fassen kann und dem serbischen Nationalheiligen Hl. Sava geweiht ist. Uns wurde an diesem Tag bewusst, dass die Vergangenheit hier in Belgrad allgegenwärtig ist und das Gesicht dieser Stadt entscheidend mitprägt. Marmelade oder Topfen gefüllten Teigtäschchen, genossen. Auch die urige Kaffeemaschine versprühte ein gewisses folkloristisches Flair. Der Montag brachte ein Treffen mit dem Erzbischof von Belgrad, der uns eine Einführung in die Geschichte des Balkans und in die Rolle der katholischen Kirche gab. Wir erfuhren außerdem, dass das Gebäude des Bischofssitzes ein entscheidender Schauplatz während der diplomatischen Wirren im Vorfeld des 1. Weltkrieges war. Hier befand sich nämlich die k.u.k. Botschaft Österreich-Ungarns. Als das Kaiserreich nach dem Attentat auf Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand Serbien ein Ultimatum setzte, kam der russische Botschafter zur österreichischen Botschaft, um den Krieg doch noch abzuwenden. Doch der österreichische Botschafter war bereits nach Wien abgereist. In seiner Verzweiflung erlag der russische Diplomat einem Herzinfarkt auf den Stufen der österreichischen Botschaft. Am Ort seines Todes befinden sich heute gläserne Flügeltüren mit der Aufschrift „PAX“, um der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu gedenken. Abschließend besuchten wir noch die St. Sava Kirche, die über 12.000 Menschen fassen kann und dem serbischen Nationalheiligen Hl. Sava geweiht ist. Uns wurde an diesem Tag bewusst, dass die Vergangenheit hier in Belgrad allgegenwärtig ist und das Gesicht dieser febex 08/belgrad38 Am Dienstag stand die aktuelle politische Situation in Serbien und die Beziehungen zu den Nachbarstaaten im Mittelpunkt. In der Konrad Adenauer Stiftung im Stadtzentrum hatten wir eine spannende Diskussion, bevor wir in der österreichischen Botschaft nebenan vom österreichischen Botschafter die Position Österreichs bzw. der EU zum Kosovo vermittelt bekamen. Aber auch auf die engen und wichtigen wirtschaftlichen bilateralen Beziehungen wurde eingegangen. Am Nachmittag betreute uns dann ein sympathischer Dozent der philologischen Fakultät, der uns den Kosovo-Konflikt aus serbischer Perspektive vorstellte und im persönlichen Gespräch auch Einblicke in die „serbische Seele“ gewährte. Einen Höhepunkt stellte der Besuch des serbischen Außenministeriums am Mittwoch dar. Wir wurden von einem hochrangigen Diplomaten empfangen, der uns sehr umsichtig und ausgewogen die serbische Position zum Kosovo darlegte. Generell merkte man, wie dankbar die Serbinnen und Serben sind, dass ihnen jemand zuhört. Sie haben das Gefühl, dass sie von der internationalen Gemeinschaft ignoriert werden und über ihre Köpfe entschieden wird. Für sie ist es schwer, das Image des Aggressors während der Balkankriege in den 90er Jahren loszuwerden. Alle politischen Bemühungen zielen seither einerseits auf Versöhnung mit den Nachbarstaaten ab und andererseits auf den ehest möglichen Beipäische Perspektive ist ein enormer Reformmotor, der das Rechtssystem einschneidend ändert und modernisiert und auch die politische Kultur afu den Kopf stellt. Trotz der als unsensibel empfundenen Kosovo-Politik des Westens, führt jedoch in den Augen des offiziellen Serbiens kein Weg an der europäischen Integration vorbei. Dieser Pragmatismus und politische Weitblick beeindruckte uns zutiefst und machte Hoffnung auf eine friedliche Zukunft auf dem Balkan. Am Nachmittag gingen wir zu Fuß entlang der Donau in den historischen Stadtteil Zemun, die von wunderschönen barocken Kirchen geprägt ist. Vom Milleniumsturm bietet sich ein beeindruckender Blick über die Metropole und der weitläufige Friedhof zeugt von der Totenkultur der serbischen Orthodoxie. Der Donnerstag stand ganz im Zeichen der Ökumene und des interreligiösen Dialogs. Beim Besuch der theologischen orthodoxen Fakultät hatten wir die Gelegenheit, mit Studenten zu sprechen und mehr über die serbische Orthodoxie zu erfahren. Am Nachmittag besichtigten wir spontan die Synagoge von Belgrad, bevor wir am Abend wieder zur theologischen Fakultät zurückkehrten, um an einer Vesper teilzunehmen und danach Tee zu trinken. Wir wurden abschließend durch die Kirche und die Sakristei geführt und konnten so unser Verständnis vertiefen. Nachdem wir nun Belgrad schon einigermaßen gut kannten, war es am Freitag an der Zeit, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen. Wir fuhren mit dem Bus nach Novi Sad, der Hauptstadt der wohlhabenden Region Vojvodina, die mit gotischen, barocken und neoklassischen Gebäuden und Kirchen beeindruckt. Besonders in Erinnerung blieb uns sicherlich der Blick von der Festung Petrovaradin, von wo aus man die Donau und die Stadt sieht. Auch die Betonpfeiler einer im Balkankrieg zerstörten Brücke stechen ins Auge und rufen in Erinnerung, dass viele Wunden der unmittelbaren Vergangenheit noch immer nicht verheilt sind. Den gemütlichen Ausklang der Reise bildete ein letztes gemeinsames Abendessen im ältesten Gasthaus Belgrads, dem „?“ (Znak pitanja – Fragezeichen). Den Samstag nutzen die meisten von uns, um langsam Abschied von Belgrad zu nehmen. Wir besuchten einen traditionellen Bauernmarkt, kauften Souvenirs und gingen nochmals zur KalemegdanFestung, wo wir einen wunderschönen Sonnenuntergang beobachten konnten. Geprägt von den vielfältigen Eindrücken der vergangenen Woche, aber auch vielleicht ein bisschen nachdenklich verließen wir gegen 22.00 Uhr Belgrad und kehrten wieder nach Wien zurück. Diese Reise war nicht nur für uns wichtig , um Serbien abseits der in unseren Medien transportierten Klischees kennen zu lernen, sondern auch für die Serbinnen und Serben. Sie empfingen uns mit offenen Armen und waren dankbar für unseren Besuch und unser Interesse. Sie hatten das Gefühl, dass ihnen endlich jemand zuhört; etwas, dass sie als Erbe der Milosevic-Ära lange Zeit nicht kannten. Belgrad und Serbien sind im Aufbruch und das in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Sicht. Das Erbe der Vergangenheit wiegt schwer auf den Schultern der Serbinnen und Serben, aber der ehrgeizige Weg Serbiens wird nach Europa führen, und diese Perspektive auf Frieden, Stabilität und Wohlstand durch eine Rückkehr in die europäische Familie gibt den Menschen Hoffnung und Mut.







Von Martin J. Luger und Philipp Ploner Fotos: Jakob Reichenberger Auch dieses Jahr begab sich eine Gruppe der KHJÖ aus Leoben, Linz, Salzburg und Wien in einen unbekannteren Teil Osteuropas. Das Ziel unserer Februarexkursion war Belgrad, die alte Donaumetropole und Hauptstadt Serbiens, wo wir unvergessliche kulturelle, politische, ökumenische und kulinarische Begegnungen erlebten. Unsere Reise fiel in eine politisch äußerst spannende Zeit, in der Serbien entscheiden musste, ob es seinen Weg nach Europa beibehalten wollte. Die Serbinnen und Serben wählten einen neuen Präsidenten und die internationale Staatengemeinschaft beriet über das Schicksal der serbischen Provinz Kosovo, die wenige Wochen nach unserem Besuch ihre Unabhängigkeit ausrief. Die Spannungen zwischen den diversen politischen Strömungen, aber auch die noch immer nicht zur Gänze überwundenen Konflikte zwischen den verschiedenen Ethnien am Balkan begleiteten uns auf Schritt und Tritt. Am Samstag, 02. Februar 2008 versammelten sich KHJler aus ganz Österreich am Wiener Westbahnhof, um gemeinsam den Nachtzug nach Belgrad zu nehmen. Für die einen war es ein Wiedersehen mit Freunden, für die anderen ein Kennen lernen von neuen Freunden. Gegen 7.45h erreichten wir die Vororte von Belgrad, in denen Roma in trostlosen Siedlungen hausen. Die sozialen Realitäten, die Serbien prägen, wurden uns plötzlich und unvermittelt bewusst. Nachdem wir das Gepäck in der Herberge verstaut hatten, begaben wir uns auf den historischen Hauptplatz Belgrads, wo wir in einem Café frühstückten und dabei die reichhaltige Tortenkultur Serbiens erkundeten. In den Lokalen an diesem Platz, allen voran im Ruski Car, sollten wir in den kommenden Tagen noch mehrmals zu Gast sein. Gestärkt ging es dann bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein zum ersten Stadtrundgang, der uns am serbischen Parlament und Präsidentenpalast vorbei zur Tvrdjava Kalemegdan-Festung führte, von wo wir einen herrlichen Blick über die Stadt und die Donau genossen und so ein erstes Gefühl für diese Stadt bekamen. Am Abend gingen wir geschlossen in ein traditionelles serbisches Restaurant, das uns mit deftigen Grillspezialiäten wie pljeskavice oder cevacici verwöhnte. Beim Nachhauseweg wurden wir Zeuge eines bedeutenden politischen Ereignisses. Feuerwerk erhellte den Nachthimmel und hupende Autos, die mit EU-Fahnen beflaggt waren, säumten die Straßen: Die Serbinnen und Serben feierten den Wahlsieg des pro-europäischen Präsidentschaftskandidaten Boris Tadic. Aufbruchsstimmung und die Hoffnung auf eine baldige europäische Integration des Landes lagen in der Luft. Wir waren die einzige Gruppe in unserer Herberge, sodass wir uns schon bald richtig heimisch fühlten und viele nette gemeinsame Stunden im Hostel verbrachten. Vor allem das Frühstück sollte uns in Erinnerung bleiben, bei dem wir burek, also mit Käse, Fleisch, Spinat, Schwammerln, Thunfisch, Würsteln, Marmelade oder Topfen gefüllten Teigtäschchen, genossen. Auch die urige Kaffeemaschine versprühte ein gewisses folkloristisches Flair. Der Montag brachte ein Treffen mit dem Erzbischof von Belgrad, der uns eine Einführung in die Geschichte des Balkans und in die Rolle der katholischen Kirche gab. Wir erfuhren außerdem, dass das Gebäude des Bischofssitzes ein entscheidender Schauplatz während der diplomatischen Wirren im Vorfeld des 1. Weltkrieges war. Hier befand sich nämlich die k.u.k. Botschaft Österreich-Ungarns. Als das Kaiserreich nach dem Attentat auf Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand Serbien ein Ultimatum setzte, kam der russische Botschafter zur österreichischen Botschaft, um den Krieg doch noch abzuwenden. Doch der österreichische Botschafter war bereits nach Wien abgereist. In seiner Verzweiflung erlag der russische Diplomat einem Herzinfarkt auf den Stufen der österreichischen Botschaft. Am Ort seines Todes befinden sich heute gläserne Flügeltüren mit der Aufschrift „PAX“, um der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu gedenken. Abschließend besuchten wir noch die St. Sava Kirche, die über 12.000 Menschen fassen kann und dem serbischen Nationalheiligen Hl. Sava geweiht ist. Uns wurde an diesem Tag bewusst, dass die Vergangenheit hier in Belgrad allgegenwärtig ist und das Gesicht dieser Stadt entscheidend mitprägt. Marmelade oder Topfen gefüllten Teigtäschchen, genossen. Auch die urige Kaffeemaschine versprühte ein gewisses folkloristisches Flair. Der Montag brachte ein Treffen mit dem Erzbischof von Belgrad, der uns eine Einführung in die Geschichte des Balkans und in die Rolle der katholischen Kirche gab. Wir erfuhren außerdem, dass das Gebäude des Bischofssitzes ein entscheidender Schauplatz während der diplomatischen Wirren im Vorfeld des 1. Weltkrieges war. Hier befand sich nämlich die k.u.k. Botschaft Österreich-Ungarns. Als das Kaiserreich nach dem Attentat auf Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand Serbien ein Ultimatum setzte, kam der russische Botschafter zur österreichischen Botschaft, um den Krieg doch noch abzuwenden. Doch der österreichische Botschafter war bereits nach Wien abgereist. In seiner Verzweiflung erlag der russische Diplomat einem Herzinfarkt auf den Stufen der österreichischen Botschaft. Am Ort seines Todes befinden sich heute gläserne Flügeltüren mit der Aufschrift „PAX“, um der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu gedenken. Abschließend besuchten wir noch die St. Sava Kirche, die über 12.000 Menschen fassen kann und dem serbischen Nationalheiligen Hl. Sava geweiht ist. Uns wurde an diesem Tag bewusst, dass die Vergangenheit hier in Belgrad allgegenwärtig ist und das Gesicht dieser febex 08/belgrad38 Am Dienstag stand die aktuelle politische Situation in Serbien und die Beziehungen zu den Nachbarstaaten im Mittelpunkt. In der Konrad Adenauer Stiftung im Stadtzentrum hatten wir eine spannende Diskussion, bevor wir in der österreichischen Botschaft nebenan vom österreichischen Botschafter die Position Österreichs bzw. der EU zum Kosovo vermittelt bekamen. Aber auch auf die engen und wichtigen wirtschaftlichen bilateralen Beziehungen wurde eingegangen. Am Nachmittag betreute uns dann ein sympathischer Dozent der philologischen Fakultät, der uns den Kosovo-Konflikt aus serbischer Perspektive vorstellte und im persönlichen Gespräch auch Einblicke in die „serbische Seele“ gewährte. Einen Höhepunkt stellte der Besuch des serbischen Außenministeriums am Mittwoch dar. Wir wurden von einem hochrangigen Diplomaten empfangen, der uns sehr umsichtig und ausgewogen die serbische Position zum Kosovo darlegte. Generell merkte man, wie dankbar die Serbinnen und Serben sind, dass ihnen jemand zuhört. Sie haben das Gefühl, dass sie von der internationalen Gemeinschaft ignoriert werden und über ihre Köpfe entschieden wird. Für sie ist es schwer, das Image des Aggressors während der Balkankriege in den 90er Jahren loszuwerden. Alle politischen Bemühungen zielen seither einerseits auf Versöhnung mit den Nachbarstaaten ab und andererseits auf den ehest möglichen Beipäische Perspektive ist ein enormer Reformmotor, der das Rechtssystem einschneidend ändert und modernisiert und auch die politische Kultur afu den Kopf stellt. Trotz der als unsensibel empfundenen Kosovo-Politik des Westens, führt jedoch in den Augen des offiziellen Serbiens kein Weg an der europäischen Integration vorbei. Dieser Pragmatismus und politische Weitblick beeindruckte uns zutiefst und machte Hoffnung auf eine friedliche Zukunft auf dem Balkan. Am Nachmittag gingen wir zu Fuß entlang der Donau in den historischen Stadtteil Zemun, die von wunderschönen barocken Kirchen geprägt ist. Vom Milleniumsturm bietet sich ein beeindruckender Blick über die Metropole und der weitläufige Friedhof zeugt von der Totenkultur der serbischen Orthodoxie. Der Donnerstag stand ganz im Zeichen der Ökumene und des interreligiösen Dialogs. Beim Besuch der theologischen orthodoxen Fakultät hatten wir die Gelegenheit, mit Studenten zu sprechen und mehr über die serbische Orthodoxie zu erfahren. Am Nachmittag besichtigten wir spontan die Synagoge von Belgrad, bevor wir am Abend wieder zur theologischen Fakultät zurückkehrten, um an einer Vesper teilzunehmen und danach Tee zu trinken. Wir wurden abschließend durch die Kirche und die Sakristei geführt und konnten so unser Verständnis vertiefen. Nachdem wir nun Belgrad schon einigermaßen gut kannten, war es am Freitag an der Zeit, den Blick über den Tellerrand hinaus zu wagen. Wir fuhren mit dem Bus nach Novi Sad, der Hauptstadt der wohlhabenden Region Vojvodina, die mit gotischen, barocken und neoklassischen Gebäuden und Kirchen beeindruckt. Besonders in Erinnerung blieb uns sicherlich der Blick von der Festung Petrovaradin, von wo aus man die Donau und die Stadt sieht. Auch die Betonpfeiler einer im Balkankrieg zerstörten Brücke stechen ins Auge und rufen in Erinnerung, dass viele Wunden der unmittelbaren Vergangenheit noch immer nicht verheilt sind. Den gemütlichen Ausklang der Reise bildete ein letztes gemeinsames Abendessen im ältesten Gasthaus Belgrads, dem „?“ (Znak pitanja – Fragezeichen). Den Samstag nutzen die meisten von uns, um langsam Abschied von Belgrad zu nehmen. Wir besuchten einen traditionellen Bauernmarkt, kauften Souvenirs und gingen nochmals zur KalemegdanFestung, wo wir einen wunderschönen Sonnenuntergang beobachten konnten. Geprägt von den vielfältigen Eindrücken der vergangenen Woche, aber auch vielleicht ein bisschen nachdenklich verließen wir gegen 22.00 Uhr Belgrad und kehrten wieder nach Wien zurück. Diese Reise war nicht nur für uns wichtig , um Serbien abseits der in unseren Medien transportierten Klischees kennen zu lernen, sondern auch für die Serbinnen und Serben. Sie empfingen uns mit offenen Armen und waren dankbar für unseren Besuch und unser Interesse. Sie hatten das Gefühl, dass ihnen endlich jemand zuhört; etwas, dass sie als Erbe der Milosevic-Ära lange Zeit nicht kannten. Belgrad und Serbien sind im Aufbruch und das in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Sicht. Das Erbe der Vergangenheit wiegt schwer auf den Schultern der Serbinnen und Serben, aber der ehrgeizige Weg Serbiens wird nach Europa führen, und diese Perspektive auf Frieden, Stabilität und Wohlstand durch eine Rückkehr in die europäische Familie gibt den Menschen Hoffnung und Mut.
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