Istanbul 2009 - Europa? Asien? Orient?
Von Simon Ebner
Bericht über die Februarexkursion der Katholischen Hochschuljugend Österreichs nach Istanbul (veröffentlicht in: “Quart” Nr. 1/2009; www.quart-online.at)
Byzanz, Konstantinopel, Istanbul. Einst Hauptstadt zweier Weltreiche, noch heute die größte Stadt der Türkei und eine der größten Metropolen Europas. Eine Stadt, die so manchen Superlativ zu sprengen scheint.
26 Mitglieder der KHJ, gut verteilt über die verschiedenen Hochschulorte, hatten von 6.bis 13. Februar 2009 die Möglichkeit, einen Einblick in dieses historische Zentrum zu bekommen.
Was weiß man über die Türkei? Vielleicht „kennt“ man dieses Land aus dem Urlaub. Vielleicht war man mit türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten gemeinsam in der Schule, kennt jemand von der Arbeit, aus der Nachbarschaft. Oder man verfolgt die Medien und liest vom schwierigen Verhältnis zwischen Kurden und Türken, von einem möglichen EU Beitritt, oder von einem Erfolg des Fußballclubs Galatasaray Istanbul.
Die Türkei ist also im österreichischen Bewusstsein viel präsenter als andere Länder, ja sogar präsenter als so manches EU Land. Aber was weiß man wirklich über dieses große Land zwischen Asien und Europa?
Die Studierenden der KHJ kamen nicht nur als Touristen nach Istanbul, nicht einfach als Urlauber. Der Anspruch an die Februarexkursion ist größer. Man will in dieser Woche möglichst viel über das besuchte Land erfahren, man will Kontakte schließen, Fragen stellen, neues entdecken. Das dichte Programm bot dazu ausreichend Gelegenheit.
Schätzungen zu Folge leben in Istanbul zwischen 12 und 18 Millionen Menschen. So genau scheint das niemand zu wissen, aber alle Zahlen, die man findet, liegen in diesem Bereich. Man kann also davon ausgehen, dass im Großraum Istanbul mindestens doppelt so viele Menschen leben wie in Österreich.
Mitte des vorigen Jahrhunderts zählte Istanbul gerade einmal rund 1 Million Einwohner, davon etwa 500 000 Nichtmuslime, wovon etwa 300 000 griechisch-orthodox waren. Heute leben nur noch 3000 Mitglieder dieser Kirche hier, der Altersschnitt liegt jenseits der 50.
Die Stadt hat also in den letzten 50 Jahren eine enorme Veränderung durchgemacht. Das heutige Istanbul ist wohl kaum mehr mit dem von früher zu vergleichen.
Bezeichnend für die Größe der Stadt war ein Verkehrsstau auf dem Weg vom Flughafen zur Jugendherberge – an einem Samstag um 4 Uhr morgens!

Der zentrale Stadtteil Sultanahmet ist heute ungefähr dort, wo sich das alte Byzanz erstreckte. Dort, wo die Hagia Sophia seit über 1500 Jahren, seit der Zeit Kaiser Justinians steht und wo direkt gegenüber die fast ebenso berühmte, wenn auch natürlich wesentlich jüngere Blaue Moschee thront. Etwa 3 Gehminuten entfernt von diesen historischen und religiösen Monumenten, in einer versteckten Seitengasse findet sich eine kleine, unscheinbare Jugendherberge. Die KHJ wohnte also direkt im Herzen der Stadt!
Bei der Vorbereitung der Reise waren wir sehr angenehm überrascht von den vielen positiven Rückmeldungen auf unsere Anfragen, die wir im Vorfeld an zahlreiche Institutionen in Istanbul verschickt haben. Die Studierendeneigenschaft hat uns in dieser Hinsicht wohl so manche Tür geöffnet, die einer anderen Reisegruppe wohl verschlossen geblieben wäre. Auch die Begleitung der Grazer Theologin Katharina Zimmerbauer – ihre Istanbul-Kompetenz hat sie in einem viermonatigen Praktikum in der österreichischen Gemeinde erworben, bei der wir im Sonntagsgottesdienst zu Gast waren – trug viel zum Gelingen der Reise bei: ohne ihre Ortskenntnis und Vertrautheit mit der türkischen Mentalität (und vor allem den Besonderheiten der Istanbuler Verkehrsbetriebe) wäre uns wohl nicht nur die schöne Schifffahrt am Bosporus entgangen…
Auf diese Weise kam ein überaus vielschichtiges Programm zustande:
Eine Audienz beim ökumenischen Patriarchen von Konstatinopel, Bartholomaios I., und im Vorfeld ein sehr ausführliches Gespräch mit seinem Pressesprecher, P. Dositheos, sowie ein Besuch in der österreichischen Schule, dem St. Georgs Kolleg, bei dem uns der Direktor Franz Kangler, ein Lazarist aus Graz, der seit 1977 in Istanbul lebt, eine breite Einführung in die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Besonderheiten der Türkei gab, und ein Treffen mit dem evangelischen Pfarrer Holger Neumann gewährten einen Einblick in das Leben der dortigen Christinnen und Christen.

Die Situation, in der sich christliche Gemeinden in der Türkei befinden, ist beispielhaft für die vielen Widersprüche, die es in der Türkei gibt: Es herrscht Religionsfreiheit, an sich wird niemand in seiner Religionsausübung behindert. Jedoch haben die Kirchen keine Rechtspersönlichkeit was u.a. dazu führt, dass sie kein Eigentum erwerben können. Im Falle der St. Georgs-Gemeinde hilft man sich mit einem komplizierten Treuhandsystem, doch viele Liegenschaften, besonders der orthodoxen Kirche, sind an den Staat gefallen, da es ja rechtlich keinen Eigentümer gibt. Kurios ist etwa, dass zum Teil Johannes Krysostomos als Eigentümer im Grundbuch stand. Da es keine Erben gibt, fiel das Eigentum an die türkische Republik.
Einen neuen Blickwinkel eröffnete uns einer der vier der Stellvertreter des Großmuftis von Istanbul, besonders was das Verhältnis von Religon und Staat betrifft. Trotz (oder wegen?) des strengen Laizismus in der Türkei, ist die gesamte sunnitisch-islamische Religionsverwaltung in den Händen des Staates. Jeder Imam wird von der Türkischen Republik bezahlt, der Großmufti selbst ist Beamter. Die rund 3000 Moscheen in Istanbul sowie die rund 5000 Imame unterstehen der Religionsbehörde. Bis vor einigen Jahren wurden sogar die Predigten zentral von Ankara für die gesamte Türkei ausgegeben.
Die Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft, die uns im Müftülük zuteil wurde, war beeindruckend. Jedes Mitglied der Reisegruppe bekam ein etwa 200 Seiten starkes Buch, eine Art islamischen Katechismus, geschenkt (eine hochinteressante Lektüre, nebenbei), außerdem wurde ein Bericht über unseren Besuch, mit diversen Fotos versehen, auf die Homepage des Muftis gestellt.
Wir hatten etwa 2 Stunden Zeit, um Fragen zu stellen. Auch wenn auf kritische Fragen, besonders was die Lage christlicher Gemeinschaften in der Türkei betraf, leider ausweichend geantwortet wurde, so war das Gespräch dennoch sehr aufschlussreich. Besonders wichtig war unserem Gesprächspartner die Betonung der gemeinsamen Wurzeln unserer beiden Religionen und die Freude über unser Interesse – man solle das Gemeinsame vor das Trennende stellen.

Auf Einladung des österreichischen Kulturforums, das uns vor allem in der Person des Direktors, Mag. Christian Brunmayr, bei der Reiseorganisation maßgeblich unterstützte, verbrachten wir einen ganzen Vormittag im österreichischen Generalkonsulat. Das Generalkonsulat ist ein beeindruckendes Palais aus dem 19. Jahrhundert und eine der größten diplomatischen Vertretungen Österreichs. Das Gebäude war ein Geschenk des Sultans an Kaiser Franz Josef als Sommerresidenz. Der Kaiser selbst hatte zwar nie Gelegenheit das Gebäude zu betreten, sein einziger Besuch in Istanbul fand vor der Schenkung statt, aber die Republik Österreich profitiert heute noch von diesem repräsentativen Anwesen – gerne kommen Besucher zu kulturellen Angeboten und sonstigen Veranstaltungen.
Auf dem Programm stand eine Diskussion mit dem Generalkonsul Wolfgang Saiger und Frau Katharina Knaus, einer Vertreterin der Europäischen Stabilitätsinitiative (ESI), einer NGO, die sich mit der politischen Entwicklung in Südosteuropa auseinandersetzt. Gesprochen wurde unter anderem über die Beziehungen Österreichs zur Türkei, Perspektiven im Hinblick auf die EU, und die politischen Umbrüche, die in der Türkei im Gange sind. Gefragt darüber, ob die österreichische Skepsis zu einer EU Vollmitgliedschaft in der Türkei stark wahrgenommen wird, kam die ernüchternde Antwort, dass es Österreich auf diese Weise regelmäßig auf die Titelseiten türkischer Tageszeitungen geschafft hat.
Die Europäische Stabilitätsinitiative ist jedenfalls überzeugt von den Vorteilen eines Türkeibeitritts. Genaueres wird wohl die Zukunft weisen.

Auf jeden Fall ist die Türkei für Österreich ein sehr wichtiger Handelspartner, wie wir vom Handelsdelegierten der Wirtschaftskammer für Istanbul und die Marmara Region, Mag. Marco Garcia, erfahren konnten. Die Besuche von Bundespräsident Fischer, begleitet von einer großen Wirtschaftsdelegation, von BM Plassnik sowie von WKÖ Präsident Leitl im vergangen Jahr konnten die wirtschaftlichen Beziehungen noch verstärken und deuten auch auf das enorme Ausbaupotenzial hin, das in diesen Beziehungen noch steckt.
Ein ganz besonderer Empfang wurde uns in der armenischen Mechitharistenschule bereitet. Der Schulchor sang zwei armenische Lieder zur Begrüßung, anschließend bekamen wir eine umfangreiche Schulführung und als Krönung lud der Elternverein zu einem Buffet. Während der Schulführung ging uns leider ein Mitglied unserer Reisegruppe verloren – in einer der besuchten Klassen trainierte gerade der Schachclub, und die Versuchung, den Schachtrainer herauszufordern war offensichtlich zu groß – über das Ergebnis der Partie wurde aber aus Rücksicht auf unser Mitglied noch vor Ort Stillschweigen vereinbart.
Jedenfalls hatte die Fröhlichkeit der Schüler und der freundliche Empfang durch den jungen, motivierten Lehrkörper etwas Ansteckendes und wirkte noch einige Zeit nach.

Alles in allem verbrachten wir eine Woche voller bereichernder Eindrücke. Wir erlebten eine Woche der Gastfreundschaft, aber auch der Aufdringlichkeit, wenn es darum ging, etwas zu verkaufen. Wir erlebten eine Woche des Gespräches und des Austausches und eine ganze Woche voller Regenwetter. Reisen bildet. Reisen erweitert den Horizont. Das Entdecken des Fremden nimmt die Furcht vor Neuem, baut Vorurteile ab und lässt einem auch wieder das Eigene, das Vertraute, mit neuen Augen sehen.
Aus diesen Gründen hat sich die Reise nach Istanbul mehr als gelohnt, und aus diesen Gründen wird es die Februarexkursion auch in Zukunft als unersetzlichen Bestandteil im Semesterplan der Katholischen Hochschuljugend geben!







