Sarajewo 2006
Im Süden nichts Neues?
Ein Bericht über die Februarexkursion der Katholischen Hochschuljugend Österreichs nach Bosnien und Herzegowina von Andreas Bammer
Die Schreckensbilder aus dem belagerten Sarajevo während des letzten Krieges auf dem Balkan haben sich unauslöschlich in unser Gedächtnis geprägt. Fast vier Jahre lang war die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten und konnte nur über eine Luftbrücke der UN sowie durch einen behelfsmäßigen Tunnel mit den allernötigsten Gütern versorgt werden. Nahezu zwölftausend Menschen fielen den Granatwerferangriffen und Heckenschützen der bosnischen Serben zum Opfer oder hielten Kälte und Hunger nicht Stand. Erst 1995 setzten amerikanische Kampfhubschrauberverbände und Einheiten der französischen Fremdenlegion der Belagerung ein Ende. Noch im selben Jahr wurde in Paris das Daytoner Friedensabkommen ratifiziert, welches seither die Gliederung der föderativen demokratischen Republik Bosnien und Herzegowina mit ihren rund vier Millionen Einwohnern in die zwei Entitäten der mehrheitlich bosniakisch-kroatischen Föderation Bosnien-Herzegowina und der überwiegend serbischen Republika Srpska festschreibt. Konflikte zwischen gemäßigten und nationalistisch gesinnten Serben führten 1999 zur Autonomie des Distriktes Brcko im Nordosten des Landes.
Die komplizierte politische Administration spiegelt das schwierig gewordene Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und Religionen in der Republik. Hatte die Hauptstadt Sarajevo vor Ausbruch des Krieges als Muster des gelingenden Miteinanders von Moslems (heute landesweit ca. 60 % Bevölkerungsanteil im Vergleich zu 44 % 1991), Orthodoxen (ca. 18 % bzw. 32 % 1991) und Katholiken (ca. 16 % bzw. 19 % 1991) gegolten, so wurde das wechselseitige Vertrauen durch Grausamkeiten erschüttert, die nicht zuletzt im Namen des jeweiligen religiösen Bekenntnisses begangenen wurden. Der Westen begriff den Krieg vielfach als blindes Wüten und als unkontrollierte Entladung von Hass oder interpretierte ihn missverständlich als Bürgerkrieg, sodass von einer militärischen Intervention lange abgesehen wurde. Tatsächlich verfolgten nationalistische Politiker und Militärs wie die bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić und Ratko Mladić oder der vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagte kroatische General Ante Gotovina das Konzept der so genannten ethnischen Säuberung: Mit Kalkül wurde die Vertreibung oder systematische Tötung der Angehörigen der jeweils anderen Identitäten betrieben. Die friedvolle Koexistenz der einzelnen Volksgruppen stand den Okkupationsbestrebungen entgegen, die serbische, kroatische und zeitweise auch bosniakische Gruppen entwickelten. Aus diesem Grund wurde sie bewusst und mit aller Macht untergraben. Das Massaker von Srebrenica, wo 1995 innerhalb von nur zehn Tagen ca. 8000 Bosniaken einen gewaltsamen Tod fanden, bestätigt diesen schrankenlos-fanatischen Nationalismus. Angesichts des verursachten Leids kann eine Aufarbeitung des Geschehenen auch zehn Jahre danach nur ansatzweise erfolgen. An Frieden, der tief greifender Versöhnung bedarf und den Blick in eine stabile Zukunft öffnet, kann in Srebrenica trotz intensiver internationaler Anstrengungen nur bedingt gedacht werden.
Anders als im östlichen Drinatal stellt sich die Lage im zentralen Sarajevo dar. Die Belagerung der Olympiastadt von 1984 hat zwar auch dort zu ethnischem und religiösem Separatismus Anlass gegeben, das Potential der Stadt, erneut ein Vorbild für multikulturelles und interreligiöses Zusammenleben zu werden, ist dadurch aber nicht in Frage gestellt, sondern Sarajevo ist mit einer großen Herausforderung konfrontiert.
Trotz der prekären Lage in Bosnien und Herzegowina ist das Land aus der medialen Berichterstattung fast gänzlich verschwunden. Lediglich anlässlich der Zehnjahrfeierlichkeiten des Daytoner Abkommens und im Gedenken an den Genozid von Srebrenica wurden mehrseitige Reportagen gedruckt und Fernsehbeiträge gesendet. Während sich die Medienwelt auf die Krisenherde in Afghanistan und im Irak konzentriert, sind der Konflikt in Bosnien und Herzegowina und seine noch allzu gegenwärtigen Auswirkungen in Vergessenheit geraten. Was bleibt, sind die Bilder der Kriegsberichterstatter, die Entsetzen ausgelöst haben und die Frage nach dem Neubeginn eines geordneten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens umso virulenter erscheinen lassen. Wird diesbezüglich kaum ein nennenswertes öffentliches Interesse an regelmäßiger Berichterstattung konstatiert, so kann der Eindruck der Stagnation im Land selbst entstehen.
Die Katholische Hochschuljugend Österreichs ließ sich von dieser impliziten Botschaft „Im Süden nichts Neues“ nicht beeindrucken und wählte Sarajevo als Ziel ihrer diesjährigen Reise. Von 4. bis 11. Februar hatten bis zu 18 junge Menschen die Gelegenheit, sich selbst ein Bild von der Stadt und ihrer Umgebung zu machen. Die intensive Planung und straffe Organisation der Reise durch Edda Strutzenberger als Generalsekretärin der KHJÖ ermöglichte zahlreiche Begegnungen mit politischen und religiösen Führungskräften auf mehreren Ebenen sowie mit Vertretern der sich zaghaft entwickelnden Zivilgesellschaft. Das Gespräch mit den Betreibern einer lokalen NGO wurde ebenso gesucht wie das Angebot zum fragenden Diskurs mit Diplomaten der UNO und dem österreichischen Konsul wahrgenommen wurde. Die gewonnenen Eindrücke bestätigten zunächst ein wegen der Kriegsschäden tendenziell bedrückendes äußeres Erscheinungsbild der Stadt. Eine Arbeitslosenrate von rund 45% lässt nicht wundern, dass die ökonomische Entwicklung des Landes stockt und die Menschen auf den florierenden Schwarzmarkt angewiesen sind. Korruption findet sich als negatives Schlagwort im Mund der meisten Politiker. Abgesehen von diesen ohnehin schwer zu bewältigenden Problemen erweisen sich die gegenseitigen Ressentiments der ethnischen und religiösen Gruppierungen als eigentlicher Hemmschuh einer funktionierenden Verwaltung und Politik. Aufgrund des großen Misstrauens sind viele Ämter dreifach, nämlich von einem (muslimischen) Bosniaken, einem (orthodoxen) Serben und einem (katholischen) Kroaten, besetzt. Der Vorsitz wechselt für gewöhnlich im Rotationsprinzip. Es braucht nicht weiter erläutert zu werden, dass eine mehr als 140 Minister zählende Regierung nur äußerst schwerfällig zu agieren vermag. Besonders unpopuläre Entscheidungen werden mit Vorliebe dem Hohen Repräsentanten der EU als rechtlich höchst befugtem Entscheidungsträger in Bosnien und Herzegowina überlassen. Seine Politik wird sonst auch populistisch als Einmischung in die internen Belange der Republik kritisiert und bisweilen als Diktat empfunden. Momentan hat der in Österreich geborene Christian Schwarz-Schilling dieses Amt inne. Seine Aufgabe besteht laut Mirela Grünther-Dečević, der Leiterin des Büros der Heinrich Böll Stiftung in Sarajevo, auch darin, die Dayton-Phase des Waffenstillstandes und des Friedensabkommens in eine Brüsseler Phase der zunehmenden Orientierung an der EU überzuführen.
Während das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) die kostenintensive Entminung der Stadt Sarajevo und ihrer Umgebung zustande gebracht hat sowie unter dem Motto „Small Arms – Big Problem“ die Entwaffnung der Bevölkerung vorantreibt, müssen sich zivilgesellschaftliche Initiativen mit minimalen Budgets begnügen, um ihre sinnstiftende Arbeit fortzusetzen. Der NGO „Abraham“ (siehe www.abraham.ba) etwa ist es gelungen, ein interreligiöses Textbuch für den Schulunterricht herauszugeben, das von den Vertretern aller Religionen approbiert wurde. Eine Übersetzung des Buches ist geplant, auch wenn sie zurzeit die finanziellen Möglichkeiten des Vereins sprengt. Einen wertvollen Akzent in der Bildungsarbeit setzt auch die Konrad Adenauer Stiftung, deren Außenstelle in Sarajevo unter der Leitung der Politologin Christina Catherine Krause Stipendien an begabte Studierende in Bosnien und Herzegowina vergibt. Besonders intensive Gespräche führte die Reisegruppe der KHJÖ mit dem katholischen Weihbischof Pero Sudar und mit Prälat Marko Josipovic, dem Rektor der Katholischen Hochschule und Regens des Priesterseminars in der Stadt. Zudem gelang es, den Kontakt zur Orthodoxen Kirche herzustellen, deren Ikonensammlung zu den weltweit bedeutendsten zählt, einen Vertreter der Jüdischen Gemeinde in Sarajevo zu treffen und Lehrende der Islamischen Fakultät zu sprechen.
All diesen – hier nur unvollständig gelisteten – Begegnungen konnte eine Gemeinsamkeit entnommen werden: Die politische und ökonomische Situation von Bosnien und Herzegowina erlaubt es nicht, optimistisch von einer raschen infrastrukturellen Entwicklung oder – noch wichtiger – von einer umfassenden zwischenmenschlichen Versöhnung auszugehen. Zugleich aber verwehrt sie sich gegen eine resignierende Sichtweise der Stagnation, der hier in Anlehnung an den bekannten Romantitel von Erich Maria Remarque entgegengehalten wird, dass aus dem Süden nicht nur Neues, sondern vor allem Hoffnung Stiftendes zu berichten ist. In kleinen Schritten wird mit Franziskanerpater Ivo Marković die „Kraft der Vielfalt“ von Bosnien und Herzegowina wieder spürbar, die schon jetzt zu einem vermehrt gelingenden Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und Religionen in diesem schönen Land beiträgt.






