Denkwürdige Reise nach Albanien
Linzer Notizen zur KHJÖ-Februarexkursion 2010
SO 7. FEB: Graz
Eine Busreise von Graz nach Shkodra in Nordalbanien ist lang. Für uns neun Linzer ExkursionsteilnehmerInnen ist schon die Zugreise nach Graz ein ausgiebiger Vorgeschmack. Von der KHG Linz bis zur Leechkirche der Grazer KHG sind wir fünf Stunden unterwegs. Während der Messe mit Alois Kölbl und Markus Schmidt SJ ist es kalt. Wir wissen noch nicht, dass die Kälte in Albanien nahezu ein Dauerzustand sein würde.
Nach dem von der KHG Graz organisierten Erdäpfelgulasch beladen wir den Bus nicht nur mit unserem durch Schlafsäcke und Isomatten recht umfänglichen Gepäck sondern auch mit Spielzeug und Kleidung für albanische Kinder.
Unsere beiden Busfahrer Franz und Paul chauffieren uns bei zeitweise sehr winterlichen Bedingungen wie Schneefahrbahn und starkem nächtlichem Eiswind durch Slowenien und Kroatien bis an die Dalmatinische Küste.
MO 8. FEB: Dubrovnik - Shkodra
Der Dompfarrer von Dubrovnik empfängt uns um 9 Uhr zum Frühstück, zeigt uns „seine“ Domkirche und vertraut uns anschließend einem sehr kompetenten deutschsprechenden Stadtführer an, der uns in Kürze und gewürzt mit allerlei Andekdoten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Altstadt zeigt – bei prächtigem Wetter. Dann gibt’s sogar noch ein Burek-Mittagessen im Pfarrhof. Wir fahren weiter über Montenegro zum albanischen Grenzübergang Hani i Hoti.
Abends kommen wir in Shkodra an. Unser Quartier ist bei den Schulschwestern im Stadtzentrum, die ein ziemlich neues Haus bewohnen.
Die gastfreundlichen Schwestern laden uns zum Abendessen ein. Nach einer kurzen Vorstellrunde nebst Kennenlern-Spiel gehen wir relativ zeitig ins Bett. Die Zimmer sind freundlich eingerichtet, jedoch feucht. Bei unserer Ankunft sind die Heizkörper leicht temperiert, in den nächsten regenreichenTagen bleiben sie kalt.
DI 9. FEB: Shkodra
Nach dem Frühstück besuchen wir zuerst eine mit österreichischen Mitteln errichtete Schule, eine Art HTL, in der vorwiegend auf Deutsch unterrichtet wird. Geführt werden wir von einem österreichischen Lehrer, dessen Gattin die Direktorin der Schule ist. Die nächste Station ist der Stephansdom, die Stadtkathredrale von Shkodra, die während der kommunistischen Herrschaft als Sporthalle verwendet wurde. Das Mittagessen bekommen wir in einem gemütlichen Restaurant, dessen Gewinne für soziale Zwecke verwendet werden. Unser Führer in Shkodra, Don Genc Tuku, Verantwortlicher des Kolpinghauses Albanien, begleitet uns anschließend zum Germanistikinstitut der Universität, wo uns die Institutsvorständin und ein österreichischer Lektor empfangen. Wir diskutieren angeregt mit den Deutschstudierenden. An der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät kommt es nur zum Austausch mit dem Vizerektor der Uni. Unsere albanischstämmige Exkursionskollegin Kordelia, genannt Kordi, übersetzt, was sie in den kommenden Tagen noch oft tun wird. Die sehr modisch gestylten Wirtschaftsstudentinnen bleiben schweigsam.
Ein Teil der Gruppe besucht dann ein schickes Restaurant-Cafe mit Aussichtsterasse, in dem offensichtlich nur gutsituierte Shkodraner sitzen. Wir tun das zum Aufwärmen und Zeitüberbrücken, denn es ist kalt und regnerisch draußen und das Abendessen in einem rustikalen Gasthaus mit offenen Kaminen ist erst um 19.00 Uhr angesetzt. Dort essen wir gut und reichlich, mit Livemusik-Begleitung. Clemens Schwingshackl bekommt ein Geburtstagsständchen und muss sich dazu eine Widderkopfmaske, ein Symbol des Nationalhelden Skanderbeg aufsetzen.
MI 10. FEB: Shkodra
Nach dem Frühstück besuchen wir das Haus der Klarissen. Eine Schwester empfängt uns in der Kapelle und erklärt uns unter anderem den von Gebet und Arbeit geprägten Tagesablauf im Kloster. Das Haus war während des Kommunismus ein berüchtigtes Untersuchungsgefängnis, in dem Gefangene systematisch gefoltert und zum Teil auch ermordet wurden. Ein pensionierter Tierarzt schildert uns eindringlich die Verfolgung und Ermordung von Geistlichen im offiziell atheistischen Albanien zwischen 1944 und 1990. Die ehemaligen Gefängniszellen in einem gesonderten Trakt des Hauses werden gerade renoviert und als Gedenkstätte hergerichtet.
Sehr kalt wird es wieder im Historischen Museum der Stadt, weswegen die Ausführungen des Museumsleiters zu den Exponaten aus den verschiedenen Epochen der Besiedelung Shkodras seit der Zeit der Illyrer nur bedingt unsere Aufmerksamkeit finden. Am ehesten können wir uns noch für die historischen Trachten im ersten Stock des malerischen Hauses erwärmen.
Den ursprünglich geplanten Gang zur Burg Rozafa sparen wir uns wegen des massiven Dauerregens. Don Genc führt uns in ein Fischrestaurant am Ufer des Skutari-Sees. Anschließend bringt uns der Bus noch an eine im Sommer gern besuchte Seepromenade, wo wir uns ein wenig die Beine vertreten. Im Regen und mit den Spuren des letzten Hochwassers, darunter sehr viel Plastikmüll, sehen die Gebäude dort wenig einladend aus. Bei einigen Ruinen weiß man nicht recht, ob die Häuser jemals in Betrieb waren oder ob sie nach anfänglichen Baufortschritten schon unfertig wieder dem Verfall preisgegeben wurden. Ein recht häufiges Phänomen entlang der albanischen Straßen, die wir befahren.
Nach einer kurzen Erholungspause in unserem Quartier bei den Schulschwestern machen wir, immer im strömenden Regen, einen Abstecher zu einer Betreuungseinrichtung für behinderte Kinder, die von den Missionarinnen der Nächstenliebe, dem Orden der Mutter Teresa betrieben wird. Da wir irrtümlich eine Stunde später dran sind als vereinbart, fällt der Besuch kurz aus. Das Haus wirkt ärmlich und einigermaßen überbelegt.
Im Priesterseminar von Shkodra zeigt uns der Vizeregens die Einrichtungen seines Hauses, unter anderem die Bibliothek, die von theologischer und philosophischer Literatur in Italienisch dominiert wird. Albanische Bücher sind eher selten. Anschließend feiern wir gemeinsam mit den Seminaristen und einigen Ordensschwestern die Messe. Kordi übersetzt uns die Predigt des Vizerektors. Beim Singen wechseln wir uns ab: Einmal stimmen die Schwestern albanische Lieder an, einmal singen wir die Taizé-Gesänge aus unserem Notenheft.
Im Kolpinghaus werden wir dann ausgiebigst bewirtet. Dazu spielen einige sehr gute Musiker flotte Tanzmusik. Zwischen den Gängen eines Mahles zu tanzen, dürfte in Albanien üblich sein. Einige von uns lassen sich nicht lange bitten, andere schon. Jugendliche machen eine selbstchoreographierte Tanzeinlage, einen Bauchtanz und etwas Volksmusik mit Akkordeon und Gitarre. Die Kolpingfamilie ist mit zahlreichen Mitgliedern zum Essen gekommen. Der neben mir sitzende Erziehungswissenschafter von der Uni äußert sich abfällig über die Bauchtanzdarbietung, die nicht in die albanische Kultur passe. Dafür schwärmt er von Wien und von österreichischen Museen, die er besucht hat.
Leider müssen wir sehr überstürzt das Fest verlassen: 22.00 Uhr war die spätestmögliche Zeit, die Alois Kölbl mit den Schulschwestern für unsere Heimkehr aushandeln konnte. Zum Abschied singen wir noch das albanische Kinderlied vom kleinen Lamm, das uns Kordi schon während der Busfahrt durch Montenegro beigebracht hat.
DO 11. FEB: Vau Dejes - Tirana
Auf der Fahrt nach Vau Dejes zeigt uns Don Genc eine Kirche, deren Vorgängerbau aus dem 19. Jahrhundert die Kommunisten einfach gesprengt hatten. Die Kirche sieht wieder ungefähr so aus wie das Original, aber von der gotischen Kapelle daneben sind nur noch die Grundmauern zu sehen. Um 9.00 Uhr ist ein Treffen mit Bischof Don Lucian Avgostini von Sappa angesetzt. Der Bischof betont im Gespräch das gute Klima zwischen den Religionen und Konfessionen in Albanien, namentlich zwischen Katholiken, Muslimen und Orthodoxen. Die Religion sei hier eben nicht die Quelle von Feindseligkeiten, im Gegenteil.
Bei der Messe in der neu erbauten Bischofskirche, die der neuen albanischen Nationalheiligen Mutter Teresa geweiht ist, frieren wir wieder ganz ordentlich. Während der Bischof anlässlich des heutigen Gedenktages von Lourdes, an dem sehr viele Leute einschließlich etlicher Kranker und Behinderter die Kirche füllen, ausgiebig über das Beispiel der Mutter Teresa predigt, machen wir Zehen- und sonstige dezente Gymnastik. SängerInnen und Instrumentalisten bringen neue und alte geistliche Lieder zu Gehör, darunter eine sehr ungewöhnliche albanische Version des Schubert’schen „Wohin soll ich mich wenden“. Ungewöhnlich sind auch die großformatigen Wandgemälde, die in naturalistisch-symbolistischer Weise die in Nordalbanien immer noch existente Blutrache ebenso thematisieren wie die Christenverfolgungen durch Römer, Osmanen und Kommunisten oder das Rosenkranzgebet in einer albanischen Bauernfamilie.
Für das Mittagessen im benachbarten Gasthaus wären Schwestern vom Bergdorf Fushe-Arrez angekündigt gewesen. Leider haben sie es bei dem vielen Schnee nicht herunter geschafft. Ihr Kollege Don Andreas, ein deutscher Ordensmann, erzählt einigen aus unserer Gruppe von der mühsamen Arbeit für die Bevölkerung der Bergdörfer, die unter den derzeitigen Witterungsbedingen tatsächlich Hunger zu leiden hätte, wenn nicht die Kirche Hilfe organisieren würde. Ein Zweck des Einsatzes von Don Andreas und den Schwestern sei es, die Leute zum Bleiben in den Dörfern zu motivieren. Ein Abwandern in die Städte würde dort nur zur Vergrößerung der dortigen Slums führen.
Auch bei diesem Essen wird zwischen den Gängen getanzt, diesmal aber zu lautstarker Konservenmusik. Auch einige behinderte Menschen werden in den Tanz miteinbezogen.
Auf der Fahrt nach Tirana machen wir noch einen Stopp bei einer lehrlingsausbildenden Tischlerei, die viele Kirchenaufträge ausführt. Es schüttet wieder wie aus Kübeln. Wir wundern wir uns über die sagenhaft großen Schlaglöcher auf der über weite Strecken in Ausbau befindlichen Straße.
In Tirana besichtigen wir zunächst das Don Bosco Zentrum: Eine Schule mit Internat, ein Kommunitätsgebäude und eine große, neue und sehr freundliche Kirche. Dort beeindruckt vor allem ein großes Christus-Bild aus Muscheln, in das zahlreiche Symbole eingearbeitet wurden. Nach einer ausgiebigen Führung durch den Pfarrer und einem gemeinsamen „Confitemini Domino“ verlassen wir die Kirche und fahren zu unserem Quartier bei den Jesuiten. Im Dunkeln sieht das große Haus schlossartig aus. Es ist aber eine Baustelle, die in wesentlichen Teilen noch nicht viel über den Rohbau hinausgekommen ist. Im endgültigen Bauzustand soll hier eine Schule für Kinder aus armen Familien untergebracht werden. Derzeit ist anscheinend nur ein eingeschränkter Betrieb für Kindergartenkinder sowie für Jugendlager im Gang. Genaueres erfahren wir nicht, weil wir unsere Quartiergeber kaum zu Gesicht bekommen. Wir belagern einen immerhin geheizten Schlafsaal im zweiten Stock. Die Priester kommen in separaten Räumen unter, die recht klein sind, wie sie uns versichern. Gewöhnungsbedürftig ist das Ambiente, in dem wir frühstücken: In einem muffigen Kellerraum unter dem Rohbauteil haben wir staubige Gartenmöbel aufgestellt. Warmduscher haben es in dieser Unterkunft schwer. Das Wasser in den für uns ÖsterreicherInnen merkwürdigen kombinierten Dusche-und-WC-Kabinen ist durchwegs eiskalt.
FR 12. FEB: Tirana
An der Uni Tirana treffen wir die Soziologieprofessorin Marita Poni, die auch Gemeinderätin der Demokratischen Partei des 1. Bezirks Tiranas ist. Sie führt uns in einen repräsentativen Hörsaal, in dem sie sich zusammen mit der Bezirksvorsteherin von der Sozialdemokratischen Partei, mit einem demokratischen Parlamentsabgeordneten und einem Sprecher der Uni an ein Podium setzt. Alle vier erklären uns vorwiegend auf Englisch einiges Wissenswerte über die Probleme und Fortschritte der albanischen Politik. Sie sind alle sichtlich bemüht, Optimismus zu verbreiten und einen positiven Eindruck zu erwecken und wirken umso gestresster, je länger das Gespräch und vor allem unsere anschließenden Fragen dauern.
Nach der gut zweistündigen Unterredung nützen einige von uns die Mittagspause, um direkt im Uni-Gelände im Fast-Food-Restaurant „Kolonat“ einzukehren. Wir finden es witzig, dass „Kolonat“ sowohl im Angebot als auch in der Aufmachung bis hin zum Schriftzug und zum Logo ein plumpes Imitat von „Mc Donald’s“ ist. Das Essen ist leidlich und für albanische Verhältnisse nicht billig. Für uns schon. Ein Cheeseburger mit Pommes frites und Cola kostet 350 Lek, das sind etwa 2,50 Euro.
Einige Unbeirrbare unserer Gruppe wagen nach dem Essen einen Bummel durch die Innenstadt von Tirana, obwohl es ohne Unterbrechung regnet.
Die anderen haben einen Nachmittagstermin bei der jungen Oppositionspartei G 99, die ihr Parteilokal in einer umfunktionierten Wohnung hat. Der Parteivorsitzende Erion Veliaj erzählt uns, dass seine Gruppe sich aus einer überparteilichen Protestplattform herausentwickelt hat zum Versuch, eine echte Alternative zu den etablierten Politikern zu bieten. Dass er von denen nicht viel hält, wird aus seinen Statements recht deutlich. Allerdings kommt er gänzlich ohne Beschimpfungen aus und behält stets einen freundlichen Ton bei. Er wirkt wesentlich entspannter als die PolitikerInnen vom Podium am Vormittag.
Unsere nächste Gesprächspartnerin ist Dr. Dolly Wittberger, Gender Expert des Austrian Coordination Office for Technical Cooperation. Sie klärt uns in ihrem Büro über „Gender Equality and Local Governance in Albania“ auf. Was am Anfang noch recht sperrig und bürokratieverdächtig klingt, wird dann durch Beispiele anschaulicher. Frau Wittberger spricht mit Bürgermeistern und Lokalpolitikern nicht nur über Frauengleichstellung und Vermeidung häuslicher Gewalt, sondern auch über Müllentsorgung oder den Bau von Toiletten in öffentlichen Einrichtungen und Schulen. Sie liebt Albanien und lebt gerne hier. Die Landessprache hat sie mittlerweile gut gelernt.
Gleich neben Frau Wittbergers Büro fallen wir zu fünfzehnt unangemeldet in eine gar nicht so große Pizzeria ein. Der Wirt, der erstaunlich gut deutsch spricht, bleibt freundlich und stressfrei. Bis wir die Pizzen bekommen, dauert es zwar eine Weile, dafür sind sie wirklich sehr schmackhaft. Und mit dem albanischen Rotwein, der wie meistens in dieser Woche sehr gut trinkbar ist, lässt sich die Wartezeit schön aushalten.
SA 13. FEB: Tirana und Kruje
Der morgentliche heftige Regen geht allmählich in nicht minder heftigen Schneefall über. Im Projekt ASIRIS betreuen Sozialarbeiter und ehrenamtliche Helfer Straßenkinder, vorwiegend Roma. Der Projektleiter erzählt uns von seiner Arbeit in dem Haus, in das die Kinder täglich in ihren Anliegen kommen: weill sie sich duschen wollen, etwas zu essen haben wollen, Kleidung brauchen etc. Einem Kind das Bedürnis beizubringen, sich die Zähne zu putzen, ist hier ein Erfolg.
In der Mittagszeit kommen ein paar Sonnenstrahlen heraus – für manche von uns eine willkommene Gelegenheit, für ein, zwei Stunden auf eigene Faust durch Tirana zu streifen. Die Stadt ist in den letzten Jahren sehr gewachsen. Es wird auch nach wie vor heftig gebaut. Die Geschäfte sind in aller Regel winzig bis höchstens mittelgroß, und man hat den Eindruck, dass es häufig mehrere von der gleichen Sorte dicht nebeneinander gibt: Zum Beispiel wandere ich durch eine Straße mit einem Sitzmöbelladen neben dem anderen. Ich wundere mich, wie viel klobige, hässliche Sofas und Fauteuils auf unserer Welt produziert werden. An Verbrauchsgütern aller Art scheint in Albanien kein Mangel zu herrschen. In den unzähligen Läden, Auslagen und Ständen wirkt die Warenfülle ebenso aufdringlich wie der Müll an den Straßenrändern. Wie leicht sich der Durchschnittsalbaner seine nötigen Konsumartikel leisten kann, ist eine andere Frage. Das monatliche Pro-Kopf-Einkommen liegt irgendwo bei einigen hundert Euro – halb so viel wie im immerhin an Kriegsfolgen leidenden Bosnien.
Am Nachmittag ist noch ein Gespräch mit dem Weihbischof von Tirana angesetzt, in einem Gemeinderaum unterhalb der neuen Kathedrale. Der Bischof, ein Dominikaner und gebürtiger Malteser, betont, dass der Kommunismus in Albanien nicht sich nicht bloß atheistisch, sondern vielmehr anti-religiös gebärdet hat. Und abermals hören wir vom guten Einvernehmen zwischen den Religionen und Konfessionen.
Dann steigen wir wieder in unseren Reisebus und verlassen Tirana. Auf dem Weg Richtung Norden machen wir Station in der alten Bergstadt Kruje. Wir gehen durch den im Sommer sicher von vielen Touristen bevölkerten, heute aber nahezu menschenleeren Basar hinauf zur Burg, von der aus im 15. Jahrhundert der Nationalheld Skanderbeg Abwehrkämpfe gegen die Osmanen geführt hat, die lange Zeit erfolgreich blieben. Dem Skanderbeg ist auch das relativ modern gestaltete Museum im Burginneren gewidmet. Der Abend klingt in einer Pizzeria gleich neben der Burg aus. Einen besonderen Anlass zum Feiern haben Übersetzerin Kordi und ihr Freund Thomas: Sie werden nicht mit uns nach Graz zurückfahren, sondern sich am nächsten Tag in Kordis Heimatstadt Shkodra offiziell verloben. Wir singen „Viel Glück und viel Segen“. Alois spendiert noch eine Runde Raki, dann folgt die Nachtfahrt über Nordalbanien und Montenegro zurück an die dalmatinische Küste.
SO 14. FEB: Mostar und Sarajevo
Die Fahrt an diesem Sonntag gestaltet sich hindernisreich. Zuerst müssen die Busfahrer mitten in der Nacht auf einer Bergstraße knapp vor der bosnischen Grenze umkehren, weil es wegen des vielen Schnees ein Weiterfahren zu riskant wäre. Das bedeutet fast eine halbe Stunde lang Rückwärtsgang im Schritttempo über eine schmale verschneite Alleestraße. Am Morgen ist im kroatischen Küstenort Mlini bei Dubrovnik die Straße wegen eines Unfalls gesperrt. In einiger Entfernung sehen wir ein völlig zerstörtes Autowrack mitten auf der Straße und erfahren, dass bei dem Unfall zwei Menschen getötet wurden. Mit einer Wartezeit von 90 Minuten sei zu rechnen. Als die Busfahrer nach einiger Zeit gesagt bekommen, dass die Unfallstelle auch umfahren werden kann, ist ein guter Teil unserer Gruppe irgendwohin Kaffeetrinken gegangen. Bis wir endlich wieder abfahren, sind zwei Stunden vergangen.
Dennoch nehmen wir uns nach der Fahrt durch das Neretva-Tal zu Mittag Zeit, die bosnische Stadt Mostar zu besichtigen – einschließlich Fotosession auf der berühmten steinernen Neretva-Brücke, die im Bosnienkrieg zerstört und anschließend wieder aufgebaut wurde. Im Bus klärt uns Thomas Moik über den Krieg, seine Ursachen und seine Folgen auf.
Als wir mit etlichen Stunden Verspätung in der verschneiten bosnischen Haupstadt Sarajevo ankommen, landen wir zunächst beim falschen Studentenheim. Es dauert wieder einige Zeit, bis wir das richtige Quartier, eine kath. Schule mit angeschlossenem Internat, gefunden haben.
Nachdem schon die ursprünglich anvisierten Termine beim Erzbischof und beim Caritas-Direktor ausfallen mussten, kommen wir auch noch zu spät zum Gespräch mit dem Hohen Repräsentanten der UNO für Bosnien-Herzegowina. Ein Teil der Verspätung ist auch dem zeitaufwändigen Gang durch die Sicherheitsschleusen zuzuschreiben. Valentin Inzko lebt gefährlich und ist ein vielbeschäftigter Mann als oberster Machthaber und Vermittler in dem immer noch von Konflikten zwischen den Entitäten der Kroaten, Bosniaken und Serben geprägten Land. Dennoch nimmt er sich zwei Stunden lang Zeit für ein Gespräch, bei dem nicht zuletzt die tiefen Wunden, die der Krieg von 1992-95 geschlagen hat, zur Sprache kommen. Inzko betont u. a., wie wichtig es für die Menschen sei, dass ihre bei Massakern ums Leben gekommenen und damals vielfach in Massengräbern verscharrten Familienangehörigen ordentliche Begräbnisse bekommen. Die Toten zu bestatten, sei auch historisch gesehen der Beginn der menschlichen Kultur, ein wesentlicher Unterschied zum Tierreich.
Unsere vierte und letzte Verspätung an diesem Tag betrifft die Messe mit katholischen Studierenden aus Sarajevo in der Priesterseminarkirche, die wir nicht auf Anhieb finden. Immerhin schaffen es früher oder später alle von uns zur anschließenden Party in den Räumen der Hochschulseelsorge, bei der auch eifrig E-Mail-Adressen ausgetauscht werden. Möglicherweise werden einige bosnische Studierende zur für Christi Himmelfahrt geplanten Österreichischen Studierenden Stern-Wallfahrt nach Mariazell kommen.
Nach einer ruhigen Nacht im Internat, dessen Zimmer geheizt und dessen Duschen Warmwasser haben, sehr im Gegensatz zu unserem Quartier in Tirana, und einem Frühstück in einem auch dafür vorgesehenen Raum setzen wir uns in den Bus, der uns in etwa 8 Stunden über den serbischen Landesteil Bosniens und über Kroatien und Slowenien nach Graz bringt.
Robert Kaspar






