Am Montag, dem 10. Jänner 2011 nahmen der Theologe Dr. Helmut Eder von der KTU Linz, KHJÖ-Vorsitzender DI Thomas Würthinger und ich bei einer Abendveranstaltung in der KHG-Galerie die Gelegenheit wahr, Überlegungen zum KHJ-Jahresthema “ReligionMachtMedien” vor gut 25 TeilnehmerInnen vorzutragen und anschließend mit ihnen zu diskutieren. Während Helmut Eders Ausführungen vor allem der “Ökonomie der Aufmerksamkeit” nach Georg Franck und den von Pierre Bourdieu geprägten Begriffen des Ökonomischen, Sozialen, Kulturellen und Symbolischen Kapitals galten und Thomas Würthinger unter anderem neue Entwicklungen rund um das Internet-Phänomen “Facebook” thematisierte, ging es mir in erster Linie um den Nutzen und Nachteil der Medien für das Leben – im Anschluss an die im Titel ähnlich lautende Zweite Unzeitgemäße Betrachtung Friedrich Nietzsches von 1874.
Mein Referat sei hier in voller Länge wiedergegeben – in der Hoffnung, dass es auch über den Veranstaltungstag hinaus noch Anstoß zum Weiterdenken und Weiterdiskutieren gibt.
Robert Kaspar
Medien machen Religion. Die logischen Konkurrenten der Kirchen
1. Die Unausweichlichkeit der Medien
Ich beginne mit einer Geschichte:
Der Zen-Meister Mu-nan weiß, dass er bald sterben wird und dass er nur einen wirklichen Nachfolger hat, seinen Schüler Shoju. Mu-nan lässt seinen Schüler Shoju holen und sagt ihm: „Ich bin nun ein alter Mann, Shoju, und du wirst diese Lehre weitergeben. Hier ist ein Buch, das seit sieben Generationen von Meister zu Meister weitergereicht wurde. Ich habe auch einige Anmerkungen hinzugefügt, und du wirst dieses Buch nützlich finden. Hier, nimm es als Zeichen, dass du mein Nachfolger bist.“
Shoju antwortet: „Besser, das Buch bleibt bei Euch. Ich habe Eure Zen-Lehre ohne ein geschriebenes Wort erhalten und will das auch weiterhin so halten.“
„Ich weiß, ich weiß,“ erwidert Mu-nan, „aber immerhin hat dieses Buch sieben Generationen gedient und es kann auch dir hilfreich sein. Hier, behalt es bei dir.“
Während des Gesprächs stehen die beiden zufällig neben dem Feuerplatz. In dem Moment, in dem das Buch von Mu-nan die Hand von Shoju berührt, packt der es und schleudert es ins Feuer. Mu-nan, den man noch nie zuvor wütend gesehen hat, schreit: „Was machst du da für Blödsinn?“ Schreit Shoju zurück: „Was redet Ihr da für Blödsinn?“ – Er ist nicht versessen auf geschriebene Worte.
Der indische Jesuit Anthony de Mello, der diese Geschichte erzählt, kommentiert sie mit dem Satz: „Der Guru berichtet unmissverständlich von seinen eigenen Erfahrungen. Er zitiert keine Bücher.“
Daran, dass ich mit einer Geschichte eines anderen und mit einem Zitat beginne, erkennt jeder von Euch – auch, wer mich nicht kennen sollte -, dass ich kein Guru bin, sondern einer, der etwas studiert hat. Ein Theologe. Im Folgenden wird es zwar öfters um meine Erfahrungen gehen, weil ich hoffe, dass sie sich mit den Euren überschneiden werden. Jedoch werden sie mit allerhand Zitaten verbrämt sein. Ich kann nicht anders, ich bin ein Kind der Mediengesellschaft.
Meine Erfahrung ist, dass die Medien unausweichlich sind. Wir wachsen mit Büchern, Skripten, Zeitschriften und Zeitungen auf. Wir leben mit Gedrucktem, Fotografiertem und Gefilmten in allen Formen. Wir bewegen uns surfend, suchend und mailend im Internet. Wir haben einen Facebook-Account, also sind wir.
Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat in dem Aufsatz „Atheistisch an Gott glauben“ schon im Jahr 1966, lange vor dem Internet, versucht, die Unausweichlichkeit der Medien grundsätzlich in ein gutes Licht zu stellen:
Vor kurzem fragte ich einen Schriftsteller, warum er morgens die Zeitung lese. Er antwortete, es sei etwas Ähnliches wie das Morgengebet für frühere Generationen: Man vergewissere sich über den Gesamtzusammenhang. Ich dachte darüber nach, ob dieser Gesamtzusammenhang ein anderes Wort für Gott sei – oder: ob Christus nicht auch, heute lebend, die Zeitung läse statt zu beten.
Die Antwort des Schriftstellers „Zeitungslektüre als Vergewisserung über den Gesamtzusammenhang“ beschäftigt mich seit langem. Ihr zufolge würde der Zeitungsleser in seinem Tun zuallererst Beruhigung suchen. Das hat für mich zunächst plausibel geklungen. Zwar stellen uns Zeitungen vor allem vor Augen, was alles in der Welt nicht in Ordnung ist: Mord und Totschlag, Kriege und Katastrophen, politische und wirtschaftliche Krisen, Verkehrsunfälle und österreichische Fußball-Ergebnisse. Aber dadurch, dass die Zeitungen darüber berichten, vermitteln sie gleichzeitig den Eindruck, dass abgesehen davon alles in schönster Ordnung sei. Wenn irgendetwas nicht in Ordnung wäre, stünde es ja in der Zeitung. Insofern ist die Zeitung, und, man darf ruhig ergänzen, die politisch-wirtschaftliche und die chronikmäßige Berichterstattung in Medien überhaupt, ein Ordnungsfaktor – weil die Berichterstattung die Unordnung überschaubar macht.
2. Was an Medien reizt
Der Reiz des Medienkonsums erschöpft sich sicher nicht in der Vergewisserung über den Gesamtzusammenhang. Was uns zur Nutzung der Medien bringt, ist sehr grundsätzlich der Reiz fremder Geschichten. Geschichten hat man sich schon an den Lagerfeuern der Steinzeit erzählt. Geschichten füllen wesentliche Teile der Bibel und historischer Bibliotheken. Geschichten kommen in sämtlichen Hollywood-Filme und in unzähligen Internet-Blogs. Die Sölle-Überlegung, ob Jesus, heute lebend, die Zeitung läse statt zu beten, möchte ich fürs Erste zurückstellen.
Die Beantwortung der Frage ist jedenfalls davon abhängig, wie viel Geschichten-Interesse ich Jesus
zutraue – Anteilnahme an den Geschichten anderer Leute, die eben nicht seine Nächsten gewesen wären, sondern höchstens seine Übernächsten. Die Leute in den Medien sind selten unsere Nächsten.
Warum faszinieren uns Geschichten fremder Leute? Reale Geschichten aus unserem Land? Geschichten aus anderen Kulturen? Geschichten aus anderen Zeiten? Unter Umständen auch erfundene Geschichten wie Fantasy-Romane oder Krimis?
Zumindest was den Reiz der „tatsächlich geschehenen“ Geschichten angeht, hat im 19. Jahrhundert der Philosoph Friedrich Nietzsche heute noch bedenkenswerte Antworten gefunden.1874 hat er seine so genannte Zweite Unzeitgemäße Betrachtung herausgegeben mit dem Titel Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Ich versuche jetzt eine Nutzanwendung von Nietzsches Überlegungen auf das Medienzeitalter und komme zu
3. Vom Nutzen und Nachteil der Medien für das Leben
Der Begriff „Historie“ schillert bei Nietzsche zwischen den Bedeutungen „Geschichte“, „Geschichtsschreibung“ und „Geschichtswissenschaft“.Apropos Schillern: Nietzsche zitiert seinerseits gleich am Beginn seiner Abhandlung Goethe, der in einem Brief an Schiller schreibt: Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.
Mit diesem Goethe-Geständnis als Opener gibt Nietzsche sofort zu erkennen, worauf er hinaus will:
Historische Bildung soll ein Lebens-Mittel sein, oder sie soll nicht sein. Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen.
Nietzsche stellt fest: Es gibt einen Grad, Historie zu treiben, und eine Schätzung derselben, bei der das Leben verkümmert und entartet. Unzeitgemäß nennt der Philosoph seine Betrachtung, weil er etwas, worauf die Zeit mit Recht stolz ist, ihre historische Bildung, hier einmal als Schaden (…) und Mangel der Zeit zu verstehen versucht, weil er sogar glaubt, dass wir alle an einem verzehrenden historischen Fieber leiden und mindestens erkennen sollten, dass wir daran leiden.
Er bekennt auch, als gelernter Philologe ganz besonders von jenen quälenden Empfindungen betroffen zu sein.
Die quälenden Empfindungen sind übrigens durchaus auch die meinen. Das ist der Grund, weshalb ich Nietzsche hier ausgiebig zu Wort kommen lasse. Ich bin zwar nicht wie er mit 25 Jahren Professor für Philologie geworden. Aber ich habe doch ziemlich riesige Mengen von im weitesten Sinn historischen Bildungsinhalten in mich aufgenommen. Als Gymnasiast ebenso wie als Theologiestudent. Und weil ich doch spüre, mich dabei auch mit viel unnützem Zeug belastet zu haben, schließe ich mich dem Wunsch Nietzsches an: Wenn wir nur dies gerade immer besser lernen, Historie zum Zwecke des Lebens zu treiben!
Nietzsche stellt fest:
Die Frage (…), bis zu welchem Grade das Leben den Dienst der Historie überhaupt brauche, ist eine der höchsten Fragen und Sorgen in betreff der Gesundheit eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur. Denn bei einem gewissen Übermaß derselben zerbröckelt und entartet das Leben…
Obwohl ich jetzt mit Nietzsche das Übermaß an historischer Bildung problematisiere, mute ich Euch jetzt drei Spezialvokabeln zu, mit denen der Philosoph die Reize der Historie, also der Auseinandersetzung mit Geschichte, charakterisiert:. Ich bringe die drei Begriffe deshalb, weil ich die Reize der Historie im Wesentlichen identifiziere mit den Reizen, die uns dazu bringen, Medien zu gebrauchen.
In dreierlei Hinsicht , sagt Nietzsche, gehört die Historie dem Lebendigen: sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen. Dieser Dreiheit von Beziehungen entspricht eine Dreiheit von Arten der Historie: (…) eine monumentalische, eine antiquarische und eine kritische.
Monumentalisch ist eine Geschichtsauffassung dann, wenn sie sich an Personen und Taten orientiert, denen man Denkmäler – Monumente – setzt. Monumentalische Historie betrachtet demnach Eroberungskriege und Befreiungskriege, Entdeckungen und Erfindungen, alles, was in irgendeiner Weise aus dem Strom der Geschichte herausragt.
Monumentalische Historie ermutigt laut Nietzsche – und dem ausgezeichneten Wikipedia-Artikel, dem ich jetzt folge -
den einzelnen Menschen der Gegenwart zu schöpferischen Taten: Individuen, die Großes schaffen wollen, sich aber nicht sicher sind, ob dieses überhaupt machbar sei, können ihren Blick in die Vergangenheit richten. Wenn sie dabei feststellen, dass Großes schon einmal möglich gewesen ist, so ist dies ein Indiz dafür, dass es auch in Zukunft wieder möglich sein wird. Diese Erkenntnis spendet Kraft und nimmt den Selbstzweifel, welcher schöpferischen Taten im Wege steht.
Allerdings stellt die monumentalische Historie die „Effecte“ in den Vordergrund und vernachlässigt die Ursachen. Zudem verzichtet diese Art der Historie auf volle Wahrhaftigkeit. Durch eine Reduzierung der geschichtlichen Vorgänge wird es möglich, Analogien zwischen speziellen – zeitlich auseinander liegenden – Ereignissen und Vorgängen zu ziehen. Auf diese Weise kann Napoleon sich fühlen wie Alexander der Große oder Julius Caesar, und jeder eroberungslüsterne Politiker kann sein Maß an Napoleon nehmen. Eine Gefahr der monumentalischen Historie ist es, in die Nähe der Fiktion und der Mythologie zu geraten.
In Fortführung der Nietzsche-Idee kann man sagen, dass auch Medien eine monumentalische Funktion zukommt: Medien ermutigen durch die Geschichten, die sie erzählen, zu großen Taten, seien diese schöpferisch oder zerstörerisch, konstruktiv oder destruktiv. Das Motiv, entsprechende Medien zu gebrauchen: Man will etwas tun und braucht einen Ansporn dazu.
Einige Beispiele:
Man liest die Biographie eines Missionars und fühlt sich veranlasst, selbst in die Mission bzw. Entwicklungshilfe zu gehen.
Man beschäftigt sich eingehend mit dem Leben und Werk berühmter Architekten und studiert selbst Architektur.
Man hat sich fanatisch-religiöses Schrifttum am laufenden Band reingezogen und begeht in vermeintlicher Märtyrergesinnung ein Selbstmordattentat.
Nun zur 2. Art von Historie nach Nietzsche:
Die antiquarische Historiegehört (…) dem Menschen als dem „Bewahrenden und Verehrenden“. Sie dient dazu, menschliche Kollektive der Gegenwart – Völker, Städte, Geschlechter – in eine Kontinuität zu ihrer Vergangenheit zu setzen. Sie verbreitet ein „einfaches rührendes Lust- und Zufriedenheitsgefühl“, indem sie „auch die minder begünstigten Geschlechter und Bevölkerungen an ihre Heimat und Heimatsitte anknüpft“. Sie gibt einem Menschen oder einem Volk „das Glück, sich nicht ganz willkürlich und zufällig zu wissen und […] in seiner Existenz entschuldigt, ja gerechtfertigt zu werden“.
Aber auch die antiquarische Historie hat eine Kehrseite: Da alles miteinander verwoben zu sein scheint, wird bei einem Übermaß an antiquarischer Betrachtung die gesamte Vergangenheit als wertvoll angesehen. Alles Vergangene gilt bereits als großartig, nur weil es einst existiert hat. Es findet eine Nivellierung statt, da alles wahrhaft Besondere zwischen der nur scheinbar wichtigen Masse von Historie nicht mehr sichtbar ist. Die antiquarische Historie droht daher einerseits zu einer „blinde[n] Sammelwuth“ zu entarten, andererseits alles Neue zu untergraben, nur noch zu „bewahren“ anstatt zu „zeugen“.
Antiquarische Historie betrachtet Geschichte gewissermaßen nach Art eines Heimatmuseums. Zur Paraphrase der Vokabel „antiquarisch“ können also die Begriffe „detailversessen, vergangenheitsverhaftet, sammelwütig, buchstabenhörig“ verwendet werden.
Auch Medien haben eine antiquarische Funktion, insofern sie Menschen bewahrende und verehrende Gefühle einpflanzen. Das Motiv, Medien mit antiquarischer Schlagseite zu gebrauchen: Man will eine große Vergangenheit, einen sicheren Boden, auf dem man sich bewegt oder steht, man will befriedigt zurückschauen und sich als Zwerg auf den Schultern von Riesen ausruhen. Die Kronen-Zeitung zum Beispiel macht unentwegt auf Österreich-Patriotismus und Vermittlung eines Wir-Gefühls nach dem Motto „Heimat, bist du großer Söhne“. Österreichische Wissenschaftler kommen zu Wort; österreichische Politiker garantieren die Sicherheit unserer Pensionen, unserer Stromversorgung und unserer Grenzen; unsere Wintersportler promoten Österreichs Image im Ausland. All diese Informationen lassen den Leser rein gar nichts tun – außer, sich auf dem Weg der Lektüre, des Medienkonsums, ein wohliges Lust- und Zufriedenheitsgefühl zu verschaffen.
Ein letzter Schwenk zu Nietzsche und zum Wikipedia-Artikel:
Die kritische Historiegehört schließlich dem Menschen als dem „Leidenden und der Befreiung Bedürftigen“. Laut Nietzsche überprüft sie die Erinnerungen eines Volkes auf zu stark belastende Inhalte, welche seine Entwicklung hemmen könnten, und beseitigt diese gegebenenfalls. Sie dient gewissermaßen als Korrektiv für die beiden anderen historischen Funktionen. Ihr einziges Kriterium ist, ob eine Vergangenheit der Vitalität eines Volkes dienlich ist oder nicht. Nietzsche denkt dabei an die beiden Pathologien der monumentalischen und antiquarischen Historie, also einerseits blindes Begehren von Effekten und andererseits übermäßige Vergangenheitsfixiertheit. Die Lebensfähigkeit menschlicher Gemeinschaften soll durch die kritische Historie erhalten werden, indem schädliche Erinnerungen vergessen werden.
Wiederum ist aber die kritische Historie nicht ungefährlich für den Menschen. Denn letztlich ist, so Nietzsche, nichts wert zu existieren: und „mit dem Messer an seine Wurzeln“ zu gehen ist immer ein gefährlicher Prozess, da „wir nun einmal die Resultate früherer Geschlechter“ und damit auch „ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrthümer, ja Verbrechen“ sind. Es muss immer „eine Grenze im Verneinen“ geben, damit das Leben nicht in Gefahr gerät.
Im Anschluss an die Nietzsche-Idee von der kritischen Historie liegt die kritische Funktion der Medien auf der Hand. Medien entlarven mit ihren Geschichten Missstände und Änderungsbedürftiges in einer Gesellschaft. Sie decken Ungerechtigkeiten auf, bringen Licht ins Dunkel der Unwissenheit und des Aberglaubens. Die Medien fungieren als Aufklärungs-Maschine. Das Motiv, speziell kritische Medien zu gebrauchen: Man will sich nicht für dumm verkaufen lassen und auf der Höhe der Zeit sein. Ein klassisches österreichisches Beispiel dafür ist das Nachrichtenmagazin „profil“. Ein Problem für jene Menschen, die hauptsächlich solche Medien konsumieren, könnte sein, dass sich mit der Zeit Misstrauen, Unzufriedenheit und Zynismus als Grundhaltungen einprägen.
Oder?
Das wäre bereits zu diskutieren.
Die lebenspraktische Frage im Anschluss an Nietzsche lautet:
Wann und inwiefern sind die medienvermittelten Geschichten aus dem Leben anderer unserer Aufmerksamkeit wert?
Das ist jedenfalls meine Grundfrage in Bezug auf Medien.
Gegen Ende meines Referats möchte ich noch knapp dem Titel unseres heutigen Abends Rechnung tragen und ein Stück Götzenpolemik betreiben.
4. Medien machen Religion
Martin Luther hat in seinem Großen Katechismus zum ersten der Zehn Gebote, das er wiedergibt mit „Du sollst nicht andere Götter haben,“ folgenden berühmt gewordenen Satz formuliert:
„Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.”
Medien, die täglich unsere Aufmerksamkeit bekommen, haben für uns eine religiöse Dimension. Alles, was unsere Zeit und unsere Energie bekommt, hat eine religiöse Bedeutung. Wenn wir den Geschichten aus dem Leben anderer auf immer wiederkehrende, quasi ritualisierte Weise unsere Zeit schenken, sind sie Gegenstand unserer Religion. Daher ist die Frage „Wann und inwiefern sind die Geschichten aus dem Leben anderer unserer Aufmerksamkeit wert?“ auch eine religionskritische. Eine kritische Anfrage an unsere eigene religiöse oder quasi-religiöse Praxis.
Ein Prophet vom Schlage eines Jesaja würde uns Kindern des Medienzeitalters vermutlich vorwerfen, dass wir falschen Göttern nachliefen. Über das Volk Israel hat Jesaja geklagt: „Sein Land ist voll von Götzen. Alle beten das Werk ihrer Hände an, das ihre Finger gemacht haben.“ (Jes 2,8)
Was uns im Internet entgegenleuchtet, entgegenblinkt und entgegenflimmert, bindet zumindest unsere Aufmerksamkeit – und bei sehr vielen Menschen auch die finanziellen Ressourcen.
Schon bei den alttestamentlichen Propheten ist Götzendienst nie nur eine Privat-Angelegenheit des persönlichen Kult-Geschmacks, sozusagen beim Beten im stillen Kämmerlein. Die Propheten haben ihre Götzenpolemik immer im Zusammenhang mit harscher Kritik an sozialen Missständen gebracht. Die Götzendiener betreiben nicht nur unrechtmäßige Kulte. Sie sind auch korrupte Diebesbanden, die sich keinen Deut um die Rechte der sprichwörtlich gewordenen Witwen und Waisen kümmern. Sie schrecken vor Mord nicht zurück, wenn es um ihre Interessen geht (vgl. Jes 1,21-23). Immer geht der falsche Kult mit ungerechtem sozialen Verhalten einher. Im Extremfall fordern die falschen Götter Menschenopfer. Beim Propheten Jeremia (32,35) finden sich ebenso wie in den Gesetzestexten des Buches Levitikus (18,21; 20,2-5) scharfe Verurteilungen von Kinderopfern für den Gott Moloch. Es braucht nicht sehr viel Um-Interpretation dieser biblischen Texte, wenn man sie heute etwa auf die Produktion von Kinderpornographie anwendet.
Für heutige soziale Gepflogenheiten frage ich – auch mit Bezugnahme auf die das Medium Bibel oder besser, die Mediensammlung der kanonischen Schriften: Welche Medienkultur ist lebensfreundlich, und welche ist lebensfeindlich?
Ich meine, dass die Lebensfeindlichkeit eines übergroßen Hangs zum Medialen nicht erst in Extrembeispielen wie der Kinderpornographie spürbar wird. Um zwei weniger krasse Beispiele zu nennen: Erstens habe ich es bedauert, in Diskussionen mit einem Bekannten wiederholt erleben, dass seine politischen Ansichten offensichtlich eins zu eins aus der „Kronenzeitung“ stammten. Und zweitens habe ich es schon bei sehr vielen Messbesuchen bedauert, wenn der Priester bzw. Prediger oder die Predigerin als Auslegung des Evangeliums nichts anderes gebracht hat als die Baukasten-Sätze aus irgendwelchen Predigtbehelfen oder Bibelkommentaren.
5. Schluss: Medien als logische Konkurrenten der Kirchen
Würde Christus, heute lebend, die Zeitung lesen statt zu beten?
Ich glaube nicht. Mein diesbezüglicher Nicht-Glaube betrifft das Wort „statt“. Meiner Erfahrung nach ist Zeitungslektüre tendenziell ein Mittel zur Zerstreuung.
Beten aber soll sammeln, die Aufmerksamkeit bündeln. Das gilt meiner Meinung nach für ziemlich alle Formen des Gebets. Für das Sprechen von vorformulierten Gebeten wie für das freie mündliche Gebet, für die Meditation von Bibelstellen wie für wortlose christliche Kontemplation bzw. Meditation nach fernöstlichen Methoden.
In einem wesentlichen Punkt haben die Medien den Kirchen gegenüber allerdings einen Konkurrenzvorteil: Sie besitzen die Wort-Führerschaft. Insofern sie die Themen vorgeben und bestimmen, worüber gesprochen wird, haben sie einen wort-mäßigen Vorsprung – einen logischen Vorsprung, wenn man so will.
Im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit haben sie die Nase vorn. Da schauen die Kirchen recht alt aus. Die Medien keine sind keine Meditationsmittel. Sie sind keine Gebetshilfen und kein Gebetsersatz. Aber sie können unterhalten.
Da stellt sich wieder die Frage: Wie viel Unterhaltung brauchen wir, und welche?
Schon wieder eine Diskussionsfrage.
Damit wir dazu auch noch kommen, höre ich jetzt auf.
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