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Archiv für die Kategorie ‘Wandern’

Medien machen Religion. Der tägliche Kampf um die Aufmerksamkeit

17. Januar 2011

Am Montag, dem 10. Jänner 2011 nahmen der Theologe Dr. Helmut Eder von der KTU Linz, KHJÖ-Vorsitzender  DI Thomas Würthinger und ich bei einer Abendveranstaltung in der KHG-Galerie die Gelegenheit wahr, Überlegungen zum KHJ-Jahresthema “ReligionMachtMedien” vor gut 25 TeilnehmerInnen vorzutragen und anschließend mit ihnen zu diskutieren. Während Helmut Eders Ausführungen vor allem der “Ökonomie der Aufmerksamkeit” nach Georg Franck und den von Pierre Bourdieu geprägten Begriffen des Ökonomischen, Sozialen, Kulturellen und Symbolischen Kapitals galten und Thomas Würthinger unter anderem neue Entwicklungen rund um das Internet-Phänomen “Facebook”  thematisierte, ging es mir in erster Linie um den Nutzen und Nachteil der Medien für das Leben – im Anschluss an die im Titel ähnlich lautende Zweite Unzeitgemäße Betrachtung Friedrich Nietzsches von 1874.

Mein Referat sei hier in voller Länge wiedergegeben – in der Hoffnung, dass es auch über den Veranstaltungstag hinaus noch Anstoß zum Weiterdenken und Weiterdiskutieren gibt.

Robert Kaspar

Medien machen Religion. Die logischen Konkurrenten der Kirchen

1. Die Unausweichlichkeit der Medien

Ich beginne mit einer Geschichte:

Der Zen-Meister Mu-nan weiß, dass er bald sterben wird und dass er nur einen wirklichen Nachfolger hat, seinen Schüler Shoju. Mu-nan lässt seinen Schüler Shoju holen und sagt ihm: „Ich bin nun ein alter Mann, Shoju, und du wirst diese Lehre weitergeben. Hier ist ein Buch, das seit sieben Generationen von Meister zu Meister weitergereicht wurde. Ich habe auch einige Anmerkungen hinzugefügt, und du wirst dieses Buch nützlich finden. Hier, nimm es als Zeichen, dass du mein Nachfolger bist.“

Shoju antwortet: „Besser, das Buch bleibt bei Euch. Ich habe Eure Zen-Lehre ohne ein geschriebenes Wort erhalten und will das auch weiterhin so halten.“

„Ich weiß, ich weiß,“ erwidert Mu-nan, „aber immerhin hat dieses Buch sieben Generationen gedient und es kann auch dir hilfreich sein. Hier, behalt es bei dir.“

Während des Gesprächs stehen die beiden zufällig neben dem Feuerplatz. In dem Moment, in dem das Buch von Mu-nan die Hand von Shoju berührt, packt der es und schleudert es ins Feuer. Mu-nan, den man noch nie zuvor wütend gesehen hat, schreit: „Was machst du da für Blödsinn?“ Schreit Shoju zurück: „Was redet Ihr da für Blödsinn?“ – Er ist nicht versessen auf geschriebene Worte.

Der indische Jesuit Anthony de Mello, der diese Geschichte erzählt, kommentiert sie mit dem Satz: „Der Guru berichtet unmissverständlich von seinen eigenen Erfahrungen. Er zitiert keine Bücher.“ 1

Daran, dass ich mit einer Geschichte eines anderen und mit einem Zitat beginne, erkennt jeder von Euch – auch, wer mich nicht kennen sollte -, dass ich kein Guru bin, sondern einer, der etwas studiert hat. Ein Theologe. Im Folgenden wird es zwar öfters um meine Erfahrungen gehen, weil ich hoffe, dass sie sich mit den Euren überschneiden werden. Jedoch werden sie mit allerhand Zitaten verbrämt sein. Ich kann nicht anders, ich bin ein Kind der Mediengesellschaft.

Meine Erfahrung ist, dass die Medien unausweichlich sind. Wir wachsen mit Büchern, Skripten, Zeitschriften und Zeitungen auf. Wir leben mit Gedrucktem, Fotografiertem und Gefilmten in allen Formen. Wir bewegen uns surfend, suchend und mailend im Internet. Wir haben einen Facebook-Account, also sind wir.

Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat in dem Aufsatz „Atheistisch an Gott glauben“ schon im Jahr 1966, lange vor dem Internet, versucht, die Unausweichlichkeit der Medien grundsätzlich in ein gutes Licht zu stellen:

Vor kurzem fragte ich einen Schriftsteller, warum er morgens die Zeitung lese. Er antwortete, es sei etwas Ähnliches wie das Morgengebet für frühere Generationen: Man vergewissere sich über den Gesamtzusammenhang. Ich dachte darüber nach, ob dieser Gesamtzusammenhang ein anderes Wort für Gott sei – oder: ob Christus nicht auch, heute lebend, die Zeitung läse statt zu beten.2

Die Antwort des Schriftstellers „Zeitungslektüre als Vergewisserung über den Gesamtzusammenhang“ beschäftigt mich seit langem. Ihr zufolge würde der Zeitungsleser in seinem Tun zuallererst Beruhigung suchen. Das hat für mich zunächst plausibel geklungen. Zwar stellen uns Zeitungen vor allem vor Augen, was alles in der Welt nicht in Ordnung ist: Mord und Totschlag, Kriege und Katastrophen, politische und wirtschaftliche Krisen, Verkehrsunfälle und österreichische Fußball-Ergebnisse. Aber dadurch, dass die Zeitungen darüber berichten, vermitteln sie gleichzeitig den Eindruck, dass abgesehen davon alles in schönster Ordnung sei. Wenn irgendetwas nicht in Ordnung wäre, stünde es ja in der Zeitung. Insofern ist die Zeitung, und, man darf ruhig ergänzen, die politisch-wirtschaftliche und die chronikmäßige Berichterstattung in Medien überhaupt, ein Ordnungsfaktor – weil die Berichterstattung die Unordnung überschaubar macht.

2. Was an Medien reizt

Der Reiz des Medienkonsums erschöpft sich sicher nicht in der Vergewisserung über den Gesamtzusammenhang. Was uns zur Nutzung der Medien bringt, ist sehr grundsätzlich der Reiz fremder Geschichten. Geschichten hat man sich schon an den Lagerfeuern der Steinzeit erzählt. Geschichten füllen wesentliche Teile der Bibel und historischer Bibliotheken. Geschichten kommen in sämtlichen Hollywood-Filme und in unzähligen Internet-Blogs. Die Sölle-Überlegung, ob Jesus, heute lebend, die Zeitung läse statt zu beten, möchte ich fürs Erste zurückstellen.

Die Beantwortung der Frage ist jedenfalls davon abhängig, wie viel Geschichten-Interesse ich Jesus

zutraue – Anteilnahme an den Geschichten anderer Leute, die eben nicht seine Nächsten gewesen wären, sondern höchstens seine Übernächsten. Die Leute in den Medien sind selten unsere Nächsten.

Warum faszinieren uns Geschichten fremder Leute? Reale Geschichten aus unserem Land? Geschichten aus anderen Kulturen? Geschichten aus anderen Zeiten? Unter Umständen auch erfundene Geschichten wie Fantasy-Romane oder Krimis?

Zumindest was den Reiz der „tatsächlich geschehenen“ Geschichten angeht, hat im 19. Jahrhundert der Philosoph Friedrich Nietzsche heute noch bedenkenswerte Antworten gefunden.1874 hat er seine so genannte Zweite Unzeitgemäße Betrachtung herausgegeben mit dem Titel Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.3 Ich versuche jetzt eine Nutzanwendung von Nietzsches Überlegungen auf das Medienzeitalter und komme zu


3. Vom Nutzen und Nachteil der Medien für das Leben

Der Begriff „Historie“ schillert bei Nietzsche zwischen den Bedeutungen „Geschichte“, „Geschichtsschreibung“ und „Geschichtswissenschaft“.Apropos Schillern: Nietzsche zitiert seinerseits gleich am Beginn seiner Abhandlung Goethe, der in einem Brief an Schiller schreibt: Übrigens ist mir alles verhasst, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.

Mit diesem Goethe-Geständnis als Opener gibt Nietzsche sofort zu erkennen, worauf er hinaus will:

Historische Bildung soll ein Lebens-Mittel sein, oder sie soll nicht sein. Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen.

Nietzsche stellt fest: Es gibt einen Grad, Historie zu treiben, und eine Schätzung derselben, bei der das Leben verkümmert und entartet. Unzeitgemäß nennt der Philosoph seine Betrachtung, weil er etwas, worauf die Zeit mit Recht stolz ist, ihre historische Bildung, hier einmal als Schaden (…) und Mangel der Zeit zu verstehen versucht, weil er sogar glaubt, dass wir alle an einem verzehrenden historischen Fieber leiden und mindestens erkennen sollten, dass wir daran leiden.

Er bekennt auch, als gelernter Philologe ganz besonders von jenen quälenden Empfindungen betroffen zu sein.

Die quälenden Empfindungen sind übrigens durchaus auch die meinen. Das ist der Grund, weshalb ich Nietzsche hier ausgiebig zu Wort kommen lasse. Ich bin zwar nicht wie er mit 25 Jahren Professor für Philologie geworden. Aber ich habe doch ziemlich riesige Mengen von im weitesten Sinn historischen Bildungsinhalten in mich aufgenommen. Als Gymnasiast ebenso wie als Theologiestudent. Und weil ich doch spüre, mich dabei auch mit viel unnützem Zeug belastet zu haben, schließe ich mich dem Wunsch Nietzsches an: Wenn wir nur dies gerade immer besser lernen, Historie zum Zwecke des Lebens zu treiben!

Nietzsche stellt fest:

Die Frage (…), bis zu welchem Grade das Leben den Dienst der Historie überhaupt brauche, ist eine der höchsten Fragen und Sorgen in betreff der Gesundheit eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur. Denn bei einem gewissen Übermaß derselben zerbröckelt und entartet das Leben…

Obwohl ich jetzt mit Nietzsche das Übermaß an historischer Bildung problematisiere, mute ich Euch jetzt drei Spezialvokabeln zu, mit denen der Philosoph die Reize der Historie, also der Auseinandersetzung mit Geschichte, charakterisiert:. Ich bringe die drei Begriffe deshalb, weil ich die Reize der Historie im Wesentlichen identifiziere mit den Reizen, die uns dazu bringen, Medien zu gebrauchen.

In dreierlei Hinsicht , sagt Nietzsche, gehört die Historie dem Lebendigen: sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen. Dieser Dreiheit von Beziehungen entspricht eine Dreiheit von Arten der Historie: (…) eine monumentalische, eine antiquarische und eine kritische.

Monumentalisch ist eine Geschichtsauffassung dann, wenn sie sich an Personen und Taten orientiert, denen man Denkmäler – Monumente – setzt. Monumentalische Historie betrachtet demnach Eroberungskriege und Befreiungskriege, Entdeckungen und Erfindungen, alles, was in irgendeiner Weise aus dem Strom der Geschichte herausragt.

Monumentalische Historie ermutigt laut Nietzsche – und dem ausgezeichneten Wikipedia-Artikel4, dem ich jetzt folge -

den einzelnen Menschen der Gegenwart zu schöpferischen Taten: Individuen, die Großes schaffen wollen, sich aber nicht sicher sind, ob dieses überhaupt machbar sei, können ihren Blick in die Vergangenheit richten. Wenn sie dabei feststellen, dass Großes schon einmal möglich gewesen ist, so ist dies ein Indiz dafür, dass es auch in Zukunft wieder möglich sein wird. Diese Erkenntnis spendet Kraft und nimmt den Selbstzweifel, welcher schöpferischen Taten im Wege steht.

Allerdings stellt die monumentalische Historie die „Effecte“ in den Vordergrund und vernachlässigt die Ursachen. Zudem verzichtet diese Art der Historie auf volle Wahrhaftigkeit. Durch eine Reduzierung der geschichtlichen Vorgänge wird es möglich, Analogien zwischen speziellen – zeitlich auseinander liegenden – Ereignissen und Vorgängen zu ziehen. Auf diese Weise kann Napoleon sich fühlen wie Alexander der Große oder Julius Caesar, und jeder eroberungslüsterne Politiker kann sein Maß an Napoleon nehmen. Eine Gefahr der monumentalischen Historie ist es, in die Nähe der Fiktion und der Mythologie zu geraten.

In Fortführung der Nietzsche-Idee kann man sagen, dass auch Medien eine monumentalische Funktion zukommt: Medien ermutigen durch die Geschichten, die sie erzählen, zu großen Taten, seien diese schöpferisch oder zerstörerisch, konstruktiv oder destruktiv. Das Motiv, entsprechende Medien zu gebrauchen: Man will etwas tun und braucht einen Ansporn dazu.

Einige Beispiele:

Man liest die Biographie eines Missionars und fühlt sich veranlasst, selbst in die Mission bzw. Entwicklungshilfe zu gehen.

Man beschäftigt sich eingehend mit dem Leben und Werk berühmter Architekten und studiert selbst Architektur.

Man hat sich fanatisch-religiöses Schrifttum am laufenden Band reingezogen und begeht in vermeintlicher Märtyrergesinnung ein Selbstmordattentat.

Nun zur 2. Art von Historie nach Nietzsche:

Die antiquarische Historiegehört (…) dem Menschen als dem „Bewahrenden und Verehrenden“. Sie dient dazu, menschliche Kollektive der Gegenwart – Völker, Städte, Geschlechter – in eine Kontinuität zu ihrer Vergangenheit zu setzen. Sie verbreitet ein „einfaches rührendes Lust- und Zufriedenheitsgefühl“, indem sie „auch die minder begünstigten Geschlechter und Bevölkerungen an ihre Heimat und Heimatsitte anknüpft“. Sie gibt einem Menschen oder einem Volk „das Glück, sich nicht ganz willkürlich und zufällig zu wissen und […] in seiner Existenz entschuldigt, ja gerechtfertigt zu werden“.

Aber auch die antiquarische Historie hat eine Kehrseite: Da alles miteinander verwoben zu sein scheint, wird bei einem Übermaß an antiquarischer Betrachtung die gesamte Vergangenheit als wertvoll angesehen. Alles Vergangene gilt bereits als großartig, nur weil es einst existiert hat. Es findet eine Nivellierung statt, da alles wahrhaft Besondere zwischen der nur scheinbar wichtigen Masse von Historie nicht mehr sichtbar ist. Die antiquarische Historie droht daher einerseits zu einer „blinde[n] Sammelwuth“ zu entarten, andererseits alles Neue zu untergraben, nur noch zu „bewahren“ anstatt zu „zeugen“.

Antiquarische Historie betrachtet Geschichte gewissermaßen nach Art eines Heimatmuseums. Zur Paraphrase der Vokabel „antiquarisch“ können also die Begriffe „detailversessen, vergangenheitsverhaftet, sammelwütig, buchstabenhörig“ verwendet werden.

Auch Medien haben eine antiquarische Funktion, insofern sie Menschen bewahrende und verehrende Gefühle einpflanzen. Das Motiv, Medien mit antiquarischer Schlagseite zu gebrauchen: Man will eine große Vergangenheit, einen sicheren Boden, auf dem man sich bewegt oder steht, man will befriedigt zurückschauen und sich als Zwerg auf den Schultern von Riesen ausruhen. Die Kronen-Zeitung zum Beispiel macht unentwegt auf Österreich-Patriotismus und Vermittlung eines Wir-Gefühls nach dem Motto „Heimat, bist du großer Söhne“. Österreichische Wissenschaftler kommen zu Wort; österreichische Politiker garantieren die Sicherheit unserer Pensionen, unserer Stromversorgung und unserer Grenzen; unsere Wintersportler promoten Österreichs Image im Ausland. All diese Informationen lassen den Leser rein gar nichts tun – außer, sich auf dem Weg der Lektüre, des Medienkonsums, ein wohliges Lust- und Zufriedenheitsgefühl zu verschaffen.

Ein letzter Schwenk zu Nietzsche und zum Wikipedia-Artikel:

Die kritische Historiegehört schließlich dem Menschen als dem „Leidenden und der Befreiung Bedürftigen“. Laut Nietzsche überprüft sie die Erinnerungen eines Volkes auf zu stark belastende Inhalte, welche seine Entwicklung hemmen könnten, und beseitigt diese gegebenenfalls. Sie dient gewissermaßen als Korrektiv für die beiden anderen historischen Funktionen. Ihr einziges Kriterium ist, ob eine Vergangenheit der Vitalität eines Volkes dienlich ist oder nicht. Nietzsche denkt dabei an die beiden Pathologien der monumentalischen und antiquarischen Historie, also einerseits blindes Begehren von Effekten und andererseits übermäßige Vergangenheitsfixiertheit. Die Lebensfähigkeit menschlicher Gemeinschaften soll durch die kritische Historie erhalten werden, indem schädliche Erinnerungen vergessen werden.

Wiederum ist aber die kritische Historie nicht ungefährlich für den Menschen. Denn letztlich ist, so Nietzsche, nichts wert zu existieren: und „mit dem Messer an seine Wurzeln“ zu gehen ist immer ein gefährlicher Prozess, da „wir nun einmal die Resultate früherer Geschlechter“ und damit auch „ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrthümer, ja Verbrechen“ sind. Es muss immer „eine Grenze im Verneinen“ geben, damit das Leben nicht in Gefahr gerät.

Im Anschluss an die Nietzsche-Idee von der kritischen Historie liegt die kritische Funktion der Medien auf der Hand. Medien entlarven mit ihren Geschichten Missstände und Änderungsbedürftiges in einer Gesellschaft. Sie decken Ungerechtigkeiten auf, bringen Licht ins Dunkel der Unwissenheit und des Aberglaubens. Die Medien fungieren als Aufklärungs-Maschine. Das Motiv, speziell kritische Medien zu gebrauchen: Man will sich nicht für dumm verkaufen lassen und auf der Höhe der Zeit sein. Ein klassisches österreichisches Beispiel dafür ist das Nachrichtenmagazin „profil“. Ein Problem für jene Menschen, die hauptsächlich solche Medien konsumieren, könnte sein, dass sich mit der Zeit Misstrauen, Unzufriedenheit und Zynismus als Grundhaltungen einprägen.

Oder?

Das wäre bereits zu diskutieren.

Die lebenspraktische Frage im Anschluss an Nietzsche lautet:

Wann und inwiefern sind die medienvermittelten Geschichten aus dem Leben anderer unserer Aufmerksamkeit wert?

Das ist jedenfalls meine Grundfrage in Bezug auf Medien.

Gegen Ende meines Referats möchte ich noch knapp dem Titel unseres heutigen Abends Rechnung tragen und ein Stück Götzenpolemik betreiben.

4. Medien machen Religion

Martin Luther hat in seinem Großen Katechismus zum ersten der Zehn Gebote, das er wiedergibt mit „Du sollst nicht andere Götter haben,“ folgenden berühmt gewordenen Satz formuliert:

„Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.” 5

Medien, die täglich unsere Aufmerksamkeit bekommen, haben für uns eine religiöse Dimension. Alles, was unsere Zeit und unsere Energie bekommt, hat eine religiöse Bedeutung. Wenn wir den Geschichten aus dem Leben anderer auf immer wiederkehrende, quasi ritualisierte Weise unsere Zeit schenken, sind sie Gegenstand unserer Religion. Daher ist die Frage „Wann und inwiefern sind die Geschichten aus dem Leben anderer unserer Aufmerksamkeit wert?“ auch eine religionskritische. Eine kritische Anfrage an unsere eigene religiöse oder quasi-religiöse Praxis.

Ein Prophet vom Schlage eines Jesaja würde uns Kindern des Medienzeitalters vermutlich vorwerfen, dass wir falschen Göttern nachliefen. Über das Volk Israel hat Jesaja geklagt: „Sein Land ist voll von Götzen. Alle beten das Werk ihrer Hände an, das ihre Finger gemacht haben.“ (Jes 2,8)

Was uns im Internet entgegenleuchtet, entgegenblinkt und entgegenflimmert, bindet zumindest unsere Aufmerksamkeit – und bei sehr vielen Menschen auch die finanziellen Ressourcen.

Schon bei den alttestamentlichen Propheten ist Götzendienst nie nur eine Privat-Angelegenheit des persönlichen Kult-Geschmacks, sozusagen beim Beten im stillen Kämmerlein. Die Propheten haben ihre Götzenpolemik immer im Zusammenhang mit harscher Kritik an sozialen Missständen gebracht. Die Götzendiener betreiben nicht nur unrechtmäßige Kulte. Sie sind auch korrupte Diebesbanden, die sich keinen Deut um die Rechte der sprichwörtlich gewordenen Witwen und Waisen kümmern. Sie schrecken vor Mord nicht zurück, wenn es um ihre Interessen geht (vgl. Jes 1,21-23). Immer geht der falsche Kult mit ungerechtem sozialen Verhalten einher. Im Extremfall fordern die falschen Götter Menschenopfer. Beim Propheten Jeremia (32,35) finden sich ebenso wie in den Gesetzestexten des Buches Levitikus (18,21; 20,2-5) scharfe Verurteilungen von Kinderopfern für den Gott Moloch. Es braucht nicht sehr viel Um-Interpretation dieser biblischen Texte, wenn man sie heute etwa auf die Produktion von Kinderpornographie anwendet.

Für heutige soziale Gepflogenheiten frage ich – auch mit Bezugnahme auf die das Medium Bibel oder besser, die Mediensammlung der kanonischen Schriften: Welche Medienkultur ist lebensfreundlich, und welche ist lebensfeindlich?

Ich meine, dass die Lebensfeindlichkeit eines übergroßen Hangs zum Medialen nicht erst in Extrembeispielen wie der Kinderpornographie spürbar wird. Um zwei weniger krasse Beispiele zu nennen: Erstens habe ich es bedauert, in Diskussionen mit einem Bekannten wiederholt erleben, dass seine politischen Ansichten offensichtlich eins zu eins aus der „Kronenzeitung“ stammten. Und zweitens habe ich es schon bei sehr vielen Messbesuchen bedauert, wenn der Priester bzw. Prediger oder die Predigerin als Auslegung des Evangeliums nichts anderes gebracht hat als die Baukasten-Sätze aus irgendwelchen Predigtbehelfen oder Bibelkommentaren.

5. Schluss: Medien als logische Konkurrenten der Kirchen

Würde Christus, heute lebend, die Zeitung lesen statt zu beten?

Ich glaube nicht. Mein diesbezüglicher Nicht-Glaube betrifft das Wort „statt“. Meiner Erfahrung nach ist Zeitungslektüre tendenziell ein Mittel zur Zerstreuung.

Beten aber soll sammeln, die Aufmerksamkeit bündeln. Das gilt meiner Meinung nach für ziemlich alle Formen des Gebets. Für das Sprechen von vorformulierten Gebeten wie für das freie mündliche Gebet, für die Meditation von Bibelstellen wie für wortlose christliche Kontemplation bzw. Meditation nach fernöstlichen Methoden.

In einem wesentlichen Punkt haben die Medien den Kirchen gegenüber allerdings einen Konkurrenzvorteil: Sie besitzen die Wort-Führerschaft. Insofern sie die Themen vorgeben und bestimmen, worüber gesprochen wird, haben sie einen wort-mäßigen Vorsprung – einen logischen Vorsprung, wenn man so will.

Im täglichen Kampf um die Aufmerksamkeit haben sie die Nase vorn. Da schauen die Kirchen recht alt aus. Die Medien keine sind keine Meditationsmittel. Sie sind keine Gebetshilfen und kein Gebetsersatz. Aber sie können unterhalten.

Da stellt sich wieder die Frage: Wie viel Unterhaltung brauchen wir, und welche?

Schon wieder eine Diskussionsfrage.

Damit wir dazu auch noch kommen, höre ich jetzt auf.

1Anthony de Mello, Warum der Vogel singt. Geschichten für das richtige Leben, Herder Freiburg – Basel – Wien 7. Auflage 1989, 33f.

2Dorothee Sölle, Atheistisch an Gott glauben. Beiträge zur Theologie, dtv München 3. Auflage 1994, 94.

3Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen – Zweites Stück – Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, in: ders, Werke in drei Bänden, Band 1, Könemann Köln 1994, 153-244.

4http://de.wikipedia.org/wiki/Vom_Nutzen_und_Nachteil_der_Historie_für_das_Leben

5http://www.ekd.de/bekenntnisse/luthers_grosser_katechismus.html

Bibel, Länderabend, Uncategorized, Wandern

Ostervorbereitung

21. April 2010

Am Palmsonntagswochenende versammelte sich ein knappes Dutzend interessierter Studierender, um ein gemeinsames Wochenende in der Anton-Dupal-Hütte in Kleinreifling zu verbringen. Zur Diskussion sollten vielfältige Themen kommen, dazu später.aufstieg

Freitag Mittag begann die Reise nach Kleinreifling, zu Beginn mit Tram, dann mit der Eisenbahn. Der letzte Anstieg wurde, mit den nötigsten Vorräten in den Rucksäcken zu Fuß bewältigt, was gute zwei Stunden in Anspruch nahm.

Auch gab es einen ersten Impuls von Robert Kaspar,
“Alles Leben ist Bewegung”.

In der Hütte angekommen, galt es diese für das Wochenende zu erwärmen. Der Ofen wollte befeuert, das Heißwasser zum Duschen beheizt werden. Nach einer gemütlichen Abendjause stellte Daniel Reischl das Buch “Rechnen mit Gott” von Rudolf Taschner vor, regte Maria Pachinger zum Nachdenken über Lebensprioritäten an und referierte  Johannes Waslmeier über den Religionskritiker Ludwig Feuerbach und dessen Ansichten zu Religion allgemein und Christentum im Speziellen.

Der Abend klang gemütlich bei Tee und Kartenspiel aus.

vorgipfelDer Samstagmorgen wurde mit einem gemeinsamen Gebet begrüßt, nach dem Frühstück berichteten Markus Schlagnitweit und Michael Mayrhofer über ihre Eindrücke zum Buch “Die Stadt in der Wüste” von Antoine de Saint-Éxupery.

Zur Mittagszeit wurden gemeinsam Spaghetti gekocht und mit sichtlichem Genuss verzehrt. Zur Verdauung gings dann hinaus in die Natur. Auch wenn das Wetter allerlei Kapriolen schlug, es bisweilen sogar graupelte, erklommen einige Bergsteiger im gleißenden Sonnenschein einen nahegelegenen Gipfel.

Nach der wohlbehaltenen Rückkehr in die Hütte und einer kurzen Phase der Zivilisierung (Duschen und Erwärmen mit Tee) wurde es wieder thematischer mit Beiträgen zur Biographie und Philosophie Jean-Paul Sartres und der Diskussion über Sinnhaftigkeit und Auswirkungen des Leidens und Todes Jesu.

Der Sonntag stand neben einer kurzen Übung zur Zeiteinteilung vor allem im Zeichen des Aufräumens und Auszuges aus der Hütte. Der Abstieg gestaltete sich zu einem Wettlauf gegen die Abfahrtszeit des Zuges, den wir mit einem schwerbeladenen Sprint noch erreichten. Sonntag Abend kehrten wir von diesem erfüllten und gelungenen Wochenende wieder nach Linz zurück.

Diskussionsveranstaltung, KHJ, Wandern

KHJ-Wallfahrt von Schlägl auf den Pöstlingberg

28. April 2009

Fußwallfahrt von Schlägl auf den Pöstlingberg

Christi Himmelfahrt, Donnerstag, 21. Mai – Samstag, 23. Mai 2009

Vom Stift Schlägl weg geht es zwei Tage lang auf dem Nordwaldkammweg quer durch das nördliche Mühlviertel mit Nächtigungen auf der Helfenbergerhütte und der Alpenvereinsherberge Bad Leonfelden. Das Ziel ist der Pöstlingberg und damit DIE Wallfahrtskirche von Linz. Dort werden die Linzer WallfahrerInnen auf KHJ-Wallfahrergruppen aus anderen Hochschulorten treffen und mit ihnen die Messe feiern. Wesentlich bei der Wallfahrt ist das gemeinsame Gehen – mit genügend Zeit zum Reden, zum gemeinsamen Essen und Trinken, zum Singen, zum Pfeifen, zum Spielen und zum Schweigen. Konditionelle Hochleistungen sind nicht erforderlich.
An religiösen Impulsen stehen außer dem Schlussgottesdienst einfache Wegbetrachtungen und Andachten auf dem Programm. „Bilder vom Himmel“ werden dabei das Leitmotiv sein: Hat man früher zu manchen Zeiten ideale Bilder vom Heiligen und von den Heiligen gemacht und zu anderen Zeiten strikt alle Bilder verboten, so produziert man heute vor allem in der Werbung ein riesiges Bildarsenal paradiesischer Zustände, während auf dem Nachrichtensektor eher Fotos von Kriegen und Katastrophen präsentiert werden.
Eingeladen sind ALLE interessierten Studierenden sowie alle Alt-KHJ’lerInnen und solche, die sich der KHJ oder der KHG verbunden fühlen! Eine Mitgliedschaft bei der KHJ ist NICHT nötig.

Donnerstag, 21. Mai, Christi Himmelfahrt

6.40 Uhr (bitte pünktlich!) Treffpunkt KHG-Foyer
6.52 Abfahrt Straßenbahn Haltestelle Universität
7.06 Ankunft Haltestelle Rudolfstraße, Fußweg ca. 10 Minuten zum Mühlkreisbahnhof
7.30 Abfahrt Linz Mühlkreisbahnhof R 3178
9.07 Ankunft Aigen-Schlägl
Andacht in der Maria-Anger-Kirche (interessante Marien-Darstellungen).
Wanderung auf dem Nordwaldkammweg Nr. 105 über St. Oswald und Haslach (Bademöglichkeiten) zur Helfenbergerhütte (842m) bei Afiesl. Gesamtgehzeit etwa 5 Stunden.

Freitag, 22. Mai

Wanderung auf dem Nordwaldkammweg über Guglwald (750m) und Sternstein (1122m) nach Bad Leonfelden (750m). Gesamtgehzeit etwa 5 h. Bademöglichkeit in Bad Leonfelden. Andacht in der Pfarrkirche, Abendessen im Gasthaus, Nächtigung in der Alpenvereinsherberge Bad Leonfelden.

Samstag, 23. Mai

6.15 Frühstück
7.05 Abfahrt Bus Bad Leonfelden Stadtplatz
7.23 Ankunft Bus Hellmonsödt-Glasau
Wanderung von Glasau (800m) über Kirchschlag (896m) und den Lichtenberg (Giselawarte 927m) auf den Pöstlingberg (539m). Gehzeit etwa 3 Stunden. Bei Schlechtwetter Wegverkürzung durch Busfahrt bis Linz möglich.
Bis 11.00 Uhr Ankunft aller KHJ-WallfahrerInnengruppen vor der Pöstlingbergkirche.
11.30 WallfahrerInnenmesse mit P. Markus Schmidt SJ, geistlicher Assistent der KHJÖ
13.00 Mittagessen im Gasthaus Freiseder
danach Abstieg über den Kreuzweg zur Straßenbahn. Ende der Wallfahrt.

Für KHJ-Mitglieder findet von 16 bis 19 Uhr die KHJÖ-Vollversammlung statt. Dann gemütlicher Ausklang für alle und Übernachtungsmöglichkeit in der KHG.

Sonntag, 24. Mai 2009, KHG Linz

8.30 Messe der KHJÖ im Raum der Stille, KHG Linz
9.00 Frühstück der KHJÖ in der Mensa der KHG

Bildungstagung der Kath. Hochschuljugend Österreichs, 24. Mai 2009
„wenn wir die bilder nicht hätten…“
Bild und Kult, Kunst und Religion

Näheres siehe nächster Eintrag!

Informationen und Anmeldung bis 15.5.2009:

Büro der KHJ Linz, Mengerstraße 23, 4040 Linz

0732/244011-73, khj@khg.jku.at, www.khjoe.at/linz

Kosten für die Wallfahrt (Fahrten, Verpflegung, Unterkunft):

KHJ-Mitglieder 40 €, sonstige Studierende 50 €, Erwerbstätige 70 €.

Bei Bedarf übernimmt die KHG Linz einen Teil dieser Kosten. Jedenfalls soll niemand aus finanziellen Gründen von der Teilnahme ausgeschlossen werden.

Bitte zur Wallfahrt mitnehmen:
Wanderschuhe (mit Profilsohle, möglichst wasserdicht), Hüttenpatschen, Hüttenschlafsack (= sehr dünner Schlafsack als Bettwäscheersatz, kein dicker, schwerer Schlafsack), Kleidung für warmes und für kühles Wetter, Regenschutz, Sonnencreme, Kopfbedeckung, Badesachen (wir kommen an Bächen und Freibädern vorbei), Jause für unterwegs (Frühstück und Abendessen gibt es in oder bei den Quartieren)

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KHJ-Wochenende

8. Dezember 2008

Von 6. bis 8. Dezember 2008 waren wir auf der Anton-Dupal-Hütte in Kleinreifling. Das Wochenende stand ganz im Zeichen unseres Jahresthemas, mehrere Inputs wurden dazu vorbereitet.

Wochenende der KHJ Linz 6. – 8. Dezember 2008,

Anton-Dupal-Hütte, Viehtaleralm bei Kleinreifling im Ennstal

Zur intensiven Auseinandersetzung mit ihrem Jahresthema „Spuren legen: nachhaltig leben“ verbrachte eine 12-köpfige Gruppe der Katholischen Hochschuljugend Linz das um den Maria-Empfängnis-Tag verlängerte Wochenende 6.-8. Dezember 2008 auf einer Selbstversorgerhütte im Reichraminger Hintergebirge.

Schon die Zug-Anreise von Linz nach Kleinreifling und der zweistündige Hüttenaufstieg zu Fuß signalisierten ökologisch verträgliches Reisen. Beim Einkauf der Lebensmittel, die wir nun in erheblich schweren Rucksäcken auf die Alm schleppten, hatten wir zuvor auf die Kriterien „regional, saisonal, biologisch, Fair Trade“ geachtet. Natürlich waren wir da gleich an gewisse Grenzen gestoßen. Weil wir uns Spaghetti Bolognese in den Kopf gesetzt hatten, brauchten wir Tomaten – nicht gerade ein Saisongemüse im Dezember. Aber dafür gibt’s ja passierte Tomaten im Tetrapack. Wo die nicht-biologischen Tomaten gewachsen waren, verriet der immerhin österreichische Hersteller nicht. Gewissensberuhigend waren dafür die Bio-Eier von hoffentlich glücklichen oberösterreichischen Hühnern für die Palatschinken und der ausgezeichnete steirische Eigenbau-Weißwein vom Schwager unserer Sekretärin.

Um gleich beim Thema Essen zu bleiben: Kulinarisch war das KHJ-Wochenende recht ergiebig. Der viele Käse in den Palatschinken, beim Frühstück und zur Jause dürfte sich allerdings nachteilig auf unsere „Ökologischen Fußabdrücke“ ausgewirkt haben.

Jedenfalls war dem Impulsreferat von David Schellander und der anschließenden Fragebogen-Auswertung zu entnehmen, dass intensiver Käsekonsum mit einem erheblichen Bedarf an landwirtschaftlicher Nutzfläche einhergeht. Die Fragebogen-Aktion unter den TeilnehmerInnen des Wochenendes ergab, dass die KHJ’lerInnen beim lebensstilbedingten Energie- und Raumverbrauch, den der sogenannte „Ökologische Fußabdruck“ als beanspruchte Landfläche in Hektar ausweist, unter dem österreichischen Durchschnitt von 4,6 Hektar lagen. Die Unterschiede bei den einzelnen Leuten waren aber beträchtlich. Generell war zu erfahren: Wer viel Auto fährt und häufig Flugreisen macht, viel Fleisch und Fertigmahlzeiten isst, viele Möbel und Kleidungsstücke kauft und eine womöglich große Wohnung im Winter womöglich mit Strom auf 22°C heizt, hinterlässt quasi den Fußabdruck eines Riesen. Die größten Riesen weltweit sind die US-Amerikaner mit einem Fußabdruck über 8 Hektar. Bei gleicher Verteilung der Gesamtfläche stünden jedem Weltbürger derzeit 1,8 Hektar zur Verfügung.

(Näheres unter: www.umweltschutz.wien.at/nachhaltigkeit/fussabdruck/index.html)

Das Rollenspiel zum Thema „Arbeitsfreier Sonntag“ unter der Anleitung von Daniel Reischl zeigte die recht unterschiedlichen Interessen der Akteure: Während der Autoindustrie-Zulieferer seine Maschinen gern rund um die Uhr ausgelastet sehen wollte und sein junger noch kinderloser Angestellter auch gar nichts gegen gut bezahlte Sonntagsarbeit einzuwenden wusste, wenn die ihm einen freien Donnerstag zum Snowboarden ermöglicht hätte, war der Feuerwehrobmann strikt dagegen: Er brauchte die freien Wochenenden für die gemeinsamen Feuerwehrübungen. Auch die im Handel tätige Mutter zweier Kinder konnte dem Arbeiten am Sonntag, das ihr Chef befürwortetete, nichts abgewinnen, weil ihre Kinder am Samstag und Sonntag schulfrei hätten und nicht während der Woche. Dass der Pfarrer für seine Schäfchen den Tag des Herrn arbeitsfrei sehen wollte, versteht sich von selbst. Mit dem Pfarrer wollte es sich der Bürgermeister zwar nicht vertun, aber der Autoindustrie-Zulieferer im Ort war ihm ebenso wichtig wie der florierende Einzelhandel. Und so war er in der Sonntagsarbeits-Frage gespalten.

Die Frage „Wieviel Religion braucht der Mensch?“ stand im Zentrum meines persönlichen Impulses zum KHJ-Wochenende. Dabei ging es unter anderem um eine Beschreibung von Religion als „Aufmerksamkeit auf die Abhängigkeit von der Erde und den Mitmenschen“ und als „Anerkennung des Umstandes, als Mann (bzw. Frau) mit bestimmten Fähigkeiten und bestimmten Grenzen in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit zu leben“. Da Religiös-Sein es mit sich bringt, die Fragen „Wovon lebe ich?“ und „Wofür lebe ich?“ zu stellen, unternahm ich auch den Versuch einer Antwort. Auf die Wovon? -Frage ging ich mithilfe der fünf Prioritäten Schlaf, Bewegung und Ernährung, Gebet, Gemeinschaft und Arbeit ein (vgl. Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien – Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet. Echter-Verlag, 9. Auflage, Würzburg 2005). Bei der Wofür-lebe-ich? -Frage spielte der Hinweis auf die Dankbarkeit im Sinne eines Mich-verdankt-Wissens ebenso eine Rolle wie das Erzählen von einer persönlichen Glaubenserfahrung. Die Arbeitseinheit klang aus mit einem Kleingruppen-Bibelgespräch zum Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24-30).

„Multi-tasking is a moral weakness.” Diese überraschende Feststellung traf Thomas Würthinger im Rahmen seiner Empfehlungen zur Entschleunigung. Man möge eben nicht gleichzeitig telefonieren und in den Computer schauen; nicht zur selben Zeit essen und lesen oder fernsehen und nicht ans Handy gehen, wenn man schon mit jemandem redet, der persönlich anwesend ist. Der Versuch, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, beeinträchtige die Qualität jeder einzelnen Handlung. Es gelte, die ungeteilte Aufmerksamkeit eben der Tätigkeit zuzuwenden, die gerade anstünde, bzw. eben der Person, mit der man es aktuell zu tun habe. Zu den Entschleunigungs-Tipps gehörte auch der Rat, Arbeitsort und Wohnort möglichst nahe beisammen zu halten, um lange Fahrzeiten zu vermeiden sowie die Erwägung eines Verzichts auf ein eigenes Auto.

Im Anschluss an die Impulsreferate wurde stets angeregt diskutiert. Dennoch kam während des gesamten Wochenendes auch das gemeinsame Spielen nicht zu kurz. Vor allem Watten war angesagt (für Insider: ladinisch-kritisch mit Gutem und Schlechtem).

Am Samstagmittag, nachdem viel Neuschnee gefallen war, stand eine Winterwanderung zum Borsee am Programm – exzessives Gruppen-Purzelbäume-Schlagen im Tiefschnee inklusive.

Am Morgen hielten wir jeweils eine kurze Andacht mit Tagesevangelium und Gesang. Zum Thema „Gebet“ brachte David Schellander eine sehr einprägsame Legende zu Gehör, die abschließend in voller Länge wiedergegeben sei.

In Maria Wörth wurde der große Frauentag gefeiert. Schiffe kamen von allen Seiten herangefahren und brachten Andächtige aus nah und fern, die an dem Umgang teilnehmen wollten. Nur ein armer Halterbub drüben in Pritschitz musste zu hause bleiben und die Kühe hüten, da er weder Schuhe noch Kleider besaß, um an dem Feste teilnehmen zu können. Traurig stand er auf der Weide und sah hin nach Maria Wörth. Er sah schon die Prozession ziehen und hörte das Beten der Menge, das zu ihm herklang wie „Platschiken-Platschaken“.
Der Bub fühlte große Sehnsucht, auch hin zur Mutter Gottes zu kommen. Er eilte zum See, faltete in inniger Andacht die Hände und, das Geräusch des herklingenden Gebetes nachahmend, schritt er aus und ging hin über das Wasser. In Maria Wörth sahen Pfarrer und Andächtige das Kind über den See herkommen. Sie eilten zum Ufer, um das Wunder in der Nähe zu sehen. Da hörten sie zu ihrem Erstaunen, wie das Kind in inniger Andacht „Platschiken-Platschaken“ sagte.
‚Kind’, sprach der Pfarrer, ‚was sagst du da? Das ist ja kein Gebet. So betet man nicht.’ Und er lehrte es die Worte eines Gebetes.
‚Jetzt, mein Kind, kehre zurück und sprich, was du von mir gelernt.’
Folgsam ging der Knabe wieder auf das Wasser und sprach das gelernte Gebet. Bald darauf war er in den Wellen verschwunden.

Georg Graber, “Sagen und Märchen aus Kärnten”, Leykam-Verlag, Graz, 1935 und 1944.

(zitiert nach http://members.aon.at/mettnitzer.at/gedanken/m_lit0501_Graber.html)

Robert Kaspar

KHJ, Wandern

KHG-Einstiegswochenende 2008

14. Oktober 2008

Von 10. bis 12. Oktober fand das KHG-Einstiegswochenende in der Nähe von Grünau im Almtal statt. Es waren drei spannende Tage in einer Selbstversorgerhütte am Almsee, aber sieh selbst…

Die Elisabeth aus Leoben hat eine kleine Bildershow zusammengestellt…

KHG, Wandern